Wahlen in Italien
Weichgespülter Berlusconi

Früher hat er populistisch gepoltert und überall „Kommunisten“ vermutet. Heute präsentiert sich Silvio Berlusconi in Italiens Wahlkampf sanfter denn je. Das liegt am schwindenden Kampfeswillen des 71-Jährigen – und am trostlosen Zustand seines Landes. Wie Berlusconi am Sonntag und Montag wieder siegen will.

NEAPEL/ROM. Dicht gedrängt stehen die Menschen auf der halb kreisförmigen Piazza del Plebiscito in Neapel. Ein paar Hundert Meter entfernt schimmert das stahlblaue Wasser des Golfs von Neapel. Es ist kühl, der Frühling traut sich noch nicht recht. Mit Plakaten und Fahnen jubeln die Fans ihrem Anführer zu, ihrem Silvio Berlusconi, dem Chef des Mitte-rechts-Bündnisses „Volk der Freiheit“.

Der bietet zwar brav, was alle von ihm hören wollen – adrenalintriefende Machoparolen: „Meine Regierung wird so lange nach Neapel verlagert, bis das Müllproblem wirksam angegangen ist“, ruft der Ex-Premier und Multimilliardär. Und schenkt der Menge ein Gönnerlächeln über offenem Hemdkragen.

In Neapel fällt es dem Wahlkämpfer Berlusconi leicht zu punkten. Die Stadt steht für eines der größten Fiaskos der scheidenden Mitte-links-Regierung von Romano Prodi. Auch wenn in der City keine stinkenden Müllberge mehr zu sehen sind: Die Vororte Neapels versinken noch immer im Dreck. Schön für Silvio.

Zur Verstärkung hat er sich seinen Mitstreiter Gianfranco Fini von der Rechtspartei Alleanza Nazionale mitgebracht. Gemeinsam führen sie die Wahlshow auf der Bühne vor den Säulen der Basilika. Zum Schluss reißt Berlusconi dem größer gewachsenen Fini den Arm nach oben. Doch was eine Siegerpose sein soll, sieht eher aus wie der Abschied eines müden, geschlagenen Boxers aus dem Ring.

Der müde Auftritt spiegelt das geringe Interesse der Italiener an den vorgezogenen Parlamentswahlen am Sonntag und Montag ebenso wider wie den fehlenden Elan des Wahlfavoriten Berlusconi. Er, der einst als Außenseiter langgediente Politiker mit Kneipensprüchen, Heilsversprechen und Chansoneinlagen vor sich her trieb, ähnelt immer mehr dem Establishment, dessen Muff er einst antrat zu vertreiben. Sollte der Medienunternehmer die Wahl gewinnen, droht Italien weitere Stagnation.

Ein Anführer wie sein Land, ein Land wie sein Anführer.

Seit Jahren verharrt das Land gesellschaftlich und wirtschaftlich in seiner Starre, aus der es sich nicht lösen kann. 2008 wird die Wirtschaft kaum wachsen. Die Alten haben die Macht, immer mehr junge Leute verlassen das Land. Deutschland, Frankreich, aber auch Spanien hängen Italien immer weiter ab.

Kein Wunder: Italiens Politklasse ist rund zwei Jahrzehnte älter als der europäische Durchschnitt – siehe die jüngste Regierungskrise: Im Februar beauftragt Staatspräsident Giorgio Napolitano, 81, Senatspräsident Franco Marini, 74, nach dem Rücktritt von Premier Prodi, 68, doch noch eine Mehrheit zu finden, um Neuwahlen abzuwenden. Schuld an der Krise sind Lamberto Dini, 76, und der mit 60 Jahren fast jugendliche Clemente Mastella. Nun also tritt Berlusconi, 71, zum fünften Mal zur Wahl an.

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