Wahlen in Japan
Ein Lächeln für Abe

Japans Regierungschef Shinzo Abe steht vor den Oberhauswahlen mit dem Rücken zur Wand. Der Premier braucht eine Mehrheit und dabei helfen können nur die Kandidaten vor Ort. Eine davon ist die ehemalige Nachrichtensprecherin Tamayo Marukawa – ein prominentes Gesicht, das einige Makel in Abes Politik vergessen machen soll.

TOKIO. Es ist ein gut eingespieltes Team, das da auf einem zur Wahlkampfbühne umgebauten Dach eines Busses steht: Japans Premier Shinzo Abe und die 36-jährige Politikerin Tamayo Marukawa. Die Rente werde wieder sicher sein. Die Wirtschaft, sie werde weiter wachsen, ruft Abe in die Menge, die auf der anderen Straßenseite zwischen Absperrseilen der Rede lauscht. Und um die Kernkraft, um die werde er sich auch kümmern, verspricht er. Marukawas Hauptaufgabe dabei: lächeln, gut aussehen und ansonsten ihren Parteichef reden lassen.

Einige Männer unter den Zuhörern fotografieren die Politikerin mit ihrer Handykamera. „Ich habe sie früher immer im Fernsehen als Nachrichtensprecherin bewundert“, sagt einer der Umstehenden. Ob er sie wählen würde, weil sie berühmt ist? Der mittelaltrige Angestellte überlegt. „Nur niedlich sein reicht dann vielleicht doch nicht.“

Von Politikerinnen wie Marukawa hängt derzeit Abes Schicksal ab. Sie kandidiert für das japanische Oberhaus, über dessen Zusammensetzung Japan bei einer Wahl am nächsten Sonntag abstimmt. Der Premier ist offiziell nicht im Rennen, ihn wählt die andere Kammer des Parlaments. Dort, im Unterhaus, verfügt die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) über eine komfortable Mehrheit. Doch das ganze Land inklusive Abe selbst ist überzeugt: In fünf Tagen entscheidet das Volk über Erfolg und Misserfolg des Regierungschef, der im vergangenen September das Ruder übernommen hat. Seitdem geht es mit seiner Beliebtheit immer weiter bergab.

Laut Umfragen stimmt nur noch ein gutes Viertel der Wähler der Politik des Premiers zu. „Viele innerhalb der LDP sagen, dass Abe zurücktreten sollte, wenn die Partei bei der Wahl schlecht abschneidet“, sagt Yasunori Sone, ein bekannter Politikwissenschaftler. Sollte Abe dies ablehnen, seien interne Parteikämpfe programmiert. Und nicht nur das: Ein Misserfolg bei der Wahl bringt auch die Regierung tief in die Bredouille. Am Sonntag kommt es daher auf die genaue Zahl der Sitze an. Abes Koalition braucht 64 der zur Wahl stehenden Mandate, um ihre Oberhausmehrheit zu verteidigen. Davon müssen vermutlich 51 von seiner eigenen Partei, der LDP, kommen. Alles darunter wäre ein Debakel – und den Umfragen zufolge ist das durchaus möglich.

Dass diese Wahl zu solch einer Zitterpartie für Abe wird, liegt vor allem an zwei Skandalen, die das Land in seiner Amtszeit erschütterten: verschlampte Rentenversicherungsdaten und Korruptionsvorwürfe gegen seine Kabinettsmitglieder.

Abes Auftritte als Macher und tatkräftiger Politiker nach dem folgenreichen Erdbeben in Niigata haben daran nichts geändert. Seine Umfragewerte sanken weiter, obwohl er am Tag der Katastrophe sein Bestes gab. Innerhalb einer Stunde nach dem Beben war er von seiner Wahlkampftour in Südjapan nach Tokio zurückgekehrt, hatte vor laufenden Kameras dem Krisenstab medienwirksam Anweisungen gegeben und war per Hubschrauber in die am schlimmsten betroffenen Gegenden geflogen. Er trug die tatkräftig aussehende blaue Arbeitskleidung des Nationalen Katastrophenstabes: derbes Hemd, Baseballkappe.

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