Wahlen in Nordirland
Party im Panzerwagen

Am Mittwoch wird in Nordirland gewählt. Dabei dreht sich alles um den Ex-Katholikenhasser Ian Paisley, der für das Regionalparlament regiert. Doch im Vergleich zu den Politikern interessieren sich viele Bürger nicht mehr für die alten Grabenkämpfe. Sie genießen etwas, auf das sie lange verzichten mussten.

BELFAST. Die Elektronenorgel heult, als in der „Martyrs Memorial Church“ der Reverend Dr. Ian Richard Kyle Paisley zur Sonntagspredigt ansetzt. Die Gemeinde singt stehend und aus voller Brust, auch wenn die Kirche zu vier Fünfteln leer ist. Gegenüber auf dem Ormeau-Park-Golfplatz feilen Belfaster im Dauerregen an ihrem Swing.

Ian Paisley steht auf der riesigen Betonkanzel wie ein Kapitän auf seiner Brücke, und seine Stimme dröhnt wie ein Nebelhorn. Bewundernd blickt die kleine Gemeinde-Schar zu ihm hoch. Keine Frau ohne Hut, kein Mann ohne Sonntagsanzug und Krawatte. Seit Paisley 1988 den Papst im Europaparlament als „Antichrist“ beschimpfte, ist ihr Pastor schließlich weltberühmt.

Protestant Paisley ist im Nebenberuf Oberhirte von Nordirlands pro-britischen „Unionisten“, und in dieser Eigenschaft steht der 80-Jährige diese Woche vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens. Am Mittwoch wird in Nordirland das Regionalparlament gewählt. Dann soll die Provinz – nach vier Jahren Pause – wieder eine eigene Regierung haben.

Klappen kann das nur, wenn Paisley eine gemeinsame Regierung mit seinen Erzfeinden Sinn Fein und den katholischen „Nationalisten“ bildet, die in einem vereinten Irland leben wollen und, wie Paisley betont, „Blut an den Händen haben“. Ausgerechnet Paisley, der den ersten Versuch einer solchen Regierung über den Graben der Gemeinschaft hinweg nach nur einem Jahr platzen ließ, will es nun selbst versuchen.

Auf seine alten Tage schickt sich Paisley damit an, den verhassten Katholiken die Hand zu reichen – was sich viele Nordiren sowieso seit langem wünschen, denn sie genießen zunehmend die nicht zuletzt wirtschaftlichen Vorteile des fragilen Friedens. Nur wird Paisley auch gejagt – und zwar von seinen Nachfolgern.

„Möge der Herr über diese Wahl wachen, damit Gott für immer in unserer Provinz seine Heimat hat“, betet Paisley donnernd von der Kanzel herunter. Rechts von ihm hängt schlapp der „Union Jack“, die Fahne der Unionisten. Links steht auf einer Messingplakette die Inschrift: „Für Gott und Ulster“.

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