Wahlkampf im 21. Jahrhundert
Stimmenfang mit Tradition

Websites, Videos, Blogs: Wahlkämpfe sind im 21. Jahrhundert stark durch das Internet geprägt. Vorreiter sind die USA. Dort überbieten sich die Kandidaten damit, möglichst originelle Aktionen im Netz zu produzieren. Doch mehr als die Präsenz im World Wide Web wirken direkte Kontakte.

MAILAND. Joe Anthony ist der Prototyp eines Wahlkampfhelfers im 21. Jahrhundert. Schon im November 2004 hatte er für Barack Obama ein Profil im Internetnetzwerk MySpace eröffnet. Mit seiner inoffiziellen Fanseite warb er für Obama, und 40 000 MySpace-Nutzer wurden virtuelle „Freunde“ des US-Politikers. Nachdem Obama seine Präsidentschaftskandidatur für die Demokraten erklärte hatte, waren es bald 160 000. Doch mit der wachsenden Popularität der Internetseite wurde Anthony vom nützlichen Helfer zu einer Gefahr für Obamas Wahlkampf.

Erst war das Wahlkampfteam begeistert. Es unterstützte Anthony und bekam von ihm das Passwort. Dann wuchs Anthony der Erfolg über den Kopf. Den Kontakt mit Tausenden Nutzern zu pflegen wurde immer mehr zum Full-Time-Job. Er fragte Obamas Team nach einem finanziellen Ausgleich. Dort fürchtete man aber, mit der gewachsenen Popularität könnte die Kommunikation außer Kontrolle geraten, und verlangte den vollständigen Zugriff auf das Profil. Am Ende entzog MySpace Anthony die Kontrolle und übertrug sie an Obama. „So hat Obama meine Stimme verloren und einen seiner stärksten Unterstützer“, schrieb der frustrierte Anthony.

Die Geschichte ist ein Lehrstück für Wahlkampf in Zeiten des Internets. Vorreiter sind die USA. Dort überbieten sich die Kandidaten damit, möglichst originelle Aktionen im Netz zu produzieren. Hillary Clinton hat sogar ihre Präsidentschaftskandidatur exklusiv in einem Video auf ihrer Website angekündigt. „Die Wahlkampagnen in den USA verändern sich dramatisch“, sagte Michael delli Carpini, Dekan der Annenberg School of Communication an der Universität Pennsylvania, vor kurzem bei der „International Summer School on Political Communication & Electoral Behaviour“ in Mailand. In Europa wird das Vorbild USA eifrig imitiert: Auch Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal lieferten sich einen virtuellen Wahlkampf, wie man ihn in Europa noch nicht kannte – bis hin zu Wahlveranstaltungen im virtuellen „Second Life“.

Doch Kommunikationswissenschaftler beobachten die Entwicklung mit Skepsis: Bei aller Euphorie sei die Wirksamkeit solcher Anstrengungen im Internet gering, denn die größte Überzeugungskraft bei den Wählern entfalten traditionelle Methoden. Pippa Norris von der Harvard-Universität spricht von „postmodernen Wahlkampagnen“, bei denen einzelne Aktivisten durch Informationstechnologie wieder einen stärkeren Einfluss bekommen als beim „modernen“, zentralisierten und durch das Fernsehen dominierten Wahlkampf. So wie Joe Anthony. Doch dessen Beispiel zeigt, wie zweischneidig die Online-Aktivitäten sind, denn der Spagat zwischen der Beteiligung Freiwilliger und zentral durchgeplanten Kampagnen ist schwer zu bewerkstelligen.

Seite 1:

Stimmenfang mit Tradition

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%