Wahlkampf in Russland
„Wir sind zurzeit alle ein bisschen auf der Suche nach der russischen Identität“

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„Nicht Putin hat die Menschen reich gemacht, sondern das Öl“

Wie erfolgreich waren Sie damit?
Mit 267 Plätzen sind unsere unabhängigen Kandidaten die zweitgrößte Fraktion im Moskauer Abgeordnetenhaus geworden. Das ist eine Sensation und ein ziemliches Zeichen für den Kreml. Ich bin fest überzeugt, dass Politik in der Zukunft so aussehen wird: Kandidaten werden aus persönlichen Überzeugungen antreten und für ihre Kampagne nicht Parteien, sondern Dienstleister benutzen. Und gleichzeitig werden sie selbst immer mehr zu Dienstleistern und nach ihrer Effektivität bewertet. Das schreit geradezu nach einer digitalen Plattform, auf der diese Dienstleistungen angeboten und bewertet werden können. Die schaffen wir jetzt.

Aber neben technologischem Fortschritt wird vielleicht auch in der Zukunft eine steigende Sehnsucht nach der Sowjetunion eine Rolle in Russlands Politik spielen, oder? Sie selbst sind noch ein Kind der Sowjetunion.
Wie viele meiner Generation kenne ich die Sowjetunion, das chaotische aber liberalere Jelzin-Russland und das autoritäre Putin-Russland. Sicher sehnt man sich immer ein Stückchen nach dem, was mal war und verloren gegangen ist. Wir sind zurzeit alle ein bisschen auf der Suche nach der russischen Identität. Krieg war in Russland immer identitätsstiftend, bei den Zaren, während der Sowjetunion, in den beiden Tschetschenien-Kriegen und auch jetzt in der Ostukraine.

Ist das denn ein Grund, warum Wahlkampf in Russland – egal ob Kreml oder Opposition – nur mit Nationalismus klappen kann?
Leider schon, ja. Während der Sowjetunion gab es eine klare russische Identität – also etwas worauf man stolz sein konnte – und einen funktionierenden Gesellschaftsvertrag. Diese Identität ist uns mit dem langsamen Zerfall der Sowjetunion verloren gegangen. Putin hat versucht das wieder zu schaffen: Ihr bekommt Stabilität, wir das Öl.

Und wieso funktioniert das nicht mehr?
Putins Budget um 2000 war mit einem Öl-Preis von unter 20 USD pro Barrel kalkuliert, tatsächlich konnte er dann aber für das zehnfache verkaufen. Das brachte erstmal Wohlstand, aber Putin hat es nicht geschafft, diesen Wohlstand in die Entwicklung des Landes, also der Bildung und Infrastruktur zu investieren. Das merken die Leute jetzt, wo das Geld wieder weg ist: Nicht Putin hat die Menschen reich gemacht, sondern das Öl.

Sie haben in Ihrer Masterarbeit unter anderem über die mögliche EU-Integration Russlands geschrieben. Was muss passieren, damit wir da wieder hinkommen?
Das war damals ein großes akademisches und politisches Thema. Noch 2013 hat Putin von einem Bündnis mit der Nato gesprochen. Ich liebe Barack Obama, aber ich glaube, er hat danach im Umgang mit Russland einiges falsch gemacht. Wenn daraus wieder ein gutes Verhältnis werden soll, müssen wir uns auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren.

Heißt das auch, dass Deutschland seine Sanktionen beenden sollte?
Im Gegensatz zu Amerika ist Deutschland sehr viel gezielter mit seinen Sanktionen und bereit, trotz der Sanktionen einen Dialog weiterzuführen. Diese Strategie sollte Deutschland beibehalten, aber sich auch bewusst sein, dass so eine Annäherung noch einige Zeit brauchen wird.

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