Wahlsieg der Extremisten
„Morgenröte“ bedroht griechische Demokratie

Trotz aller Warnungen: Die Griechen haben mit ihrer Wahl ein politisches Erdbeben ausgelöst, von dem keiner weiß, welchen Schaden es letztlich anrichten wird.
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AthenEine „Nacht des Schreckens“ hatte die Sonntagszeitung „Proto Thema“ ihren Lesern angekündigt, Griechenland drohe „unregierbar“ zu werden. Die düstere Vorahnung sollte sich bewahrheiten. Gebannt, ja ungläubig verfolgten Millionen Griechen bis in die frühen Morgenstunden vor den Fernsehern den Zusammenbruch ihrer politischen Ordnung. Dabei hatte es an mahnenden Stimmen nicht gefehlt: „Ja zur Erneuerung, nein zur Selbstzerstörung“ appellierte das Massenblatt „Ta Nea“, und die Zeitung „Kathimerini“ erinnerte daran, der Wahlsonntag sei ein „Tag der Verantwortung für alle“. Doch das beherzigten nicht alle. Auch die Mahnung des Staatspräsidenten Karolos Papoulias, man möge „mit klarem Kopf“ zur Wahlurne gehen, bewirkte nichts.

Das Land im fünften Jahr der Rezession, 22 Prozent ohne Job, unter den Jugendlichen sogar jeder zweite arbeitslos, die Renten gekürzt, die Einkommen allein im vergangenen Jahr um ein Viertel geschrumpft: wer kann da kühlen Kopf bewahren? Die Griechen haben gewählt – und ein politisches Erdbeben ausgelöst. Jetzt stehen sie vor den Trümmern ihres politischen Systems. Und in den Ruinen beginnt politisches Unkraut zu sprießen.

Einen Vorgeschmack dessen, was auf das Land zukommen könnte, bekamen Journalisten am Sonntagabend bei der Pressekonferenz der neofaschistischen Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte). Die Partei kam auf sieben Prozent und wird mit 21 Abgeordneten im neuen Parlament sitzen. „Aufstehen, der Führer kommt“, dröhnte es aus den Lautsprechern, als Nikos Michaloliakos den Saal betrat, der Parteichef. Weil die Journalisten sich nicht von ihren Plätzen erhoben und den Hitlergruß verweigerten, den die Anhänger der Partei ihrem Führer entbieten, wurden sie von schwarzgekleideten Ordnern unsanft aus dem Saal befördert.


Ganz ohne Medien wollte Michaloliakos seinen Sieg aber auch nicht feiern. Deshalb durften einige ausländische Reporter im Saal bleiben. Sie erzählten ihren griechischen Kollegen anschließend, wie es war: „Veni, vidi, vici“, erklärte Michaloliakos, ich kam, ich sah, ich siegte – der Führer in der Pose eines römischen Imperators. „Der Kampf geht weiter, innerhalb und außerhalb des Parlaments“, rief der Parteichef, „wir kommen!“ Ältere Griechen erinnern sich noch aus der Zeit der deutschen Besatzung an den Hitlergruß. Jetzt werden sie ihn wohl im Parlament sehen.

Nichts ist wie es war in Griechenland – und keiner scheint zu wissen, was nun werden soll. In den ersten Hochrechnungen hatte sich noch eine knappe Mehrheit der Mandate für die beiden Traditionsparteien abgezeichnet, Konservative und Sozialisten, die zuletzt den Sparkurs gemeinsam stützten. Aber je mehr Stimmen ausgezählt wurden, desto schneller schmolz diese Mehrheit dahin.

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  • @ Heinrich

    Ihre Ausführungen zur Schuldfrage betreffend die Schuldenstaaten ist überwiegend richtig. Allerdings ist damit deren Argument nicht widerlegt, der Euro würde starke und schwache Volkswirtschaften unterschiedlich begünstigen und zum wirtschaftlichen Abschnüren einiger Länder führen. Unser Interesse muss nun der aktuellen Krisenlösungsstrategie Berlins und Brüssels gelten. Dort sehe ich dringlichen Bedarf für eine Rückbesinnung auf Marktheilungsmechanismen. Seitdem Güter produziert und Leistungen ausgetauscht werden, haben die Marktmechanismen stets Verwachsungen ausgeschnitten. Zur 2000jährigen Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte gehört das, die in Fleisch und Seele hinein gewachsene Akzeptanz des Bewährten. Bisher ist nicht erkennbar, dass die Preisgabe der mehr als 2000jährigen Praxis Besseres bewirkt. Ich sehe die Gefahr, dass die Abkehr letzlich auf Deutschland zurück schlägt. So wird über kurz oder lang die Frage aufgeworfen werden, ob die Parität des Euro den Bedürfnissen der meisten Euro-Länder mittels Ausschluß des überstarken Deutschlands angepasst werden kann. Margret Thatcher hat bereits 1990 davor gewarnt und sich deswegen gegen die dt. Einheit positioniert. Solche Befürchtungen wären weitgehend vom Tisch, wenn allen Ländern die Freiheit zum Austarieren ihrer Wettbewerbsfähigkeit zurückgegeben würde. Bisher gelang Berlin und Brüssel die Verknüpfung der beiden Zielkomponenten nicht: 1. Erhalt des Euro und 2. Rückgabe der Freiheit zur klassischen Wettbewerbspositionierung (im Euro). Andauernder Verzug bei der Lösung dieser Aufgabe wird selbstzerstörerische Zentrifugalkräfte frei setzen.

  • Zitat Pyrrhos: "Der deutsche Michael sollte sich der eigenen Geschichte und Staatsbankrotte erinnern, bevor er sich mit Halbwissen disqualifiziert."

    Der deutsche Michel erinnert sich noch gut an die Anfänge der NS-Diktatur. Das sollten alle Morgenröte-Wähler vielleicht auch baldmöglichst tun.


  • Perikles, lass bitte die Trojaschiffe im Hafen.

    Die alten Griechengene haben sich schon recht schnell kriegsbedingt vermischt.. Auch die heutigen Germanenstämme tragen u.a slawische Gene in sich, so wie ihr. Haltet uns nicht für zu blöd ( wir sind tatsächlich nicht die Hellsten).
    Die "Neuhellenen" kamen erst recht spät so gegen 1880 und später zur natinalen Hellinismusausrichtung. Kein Wunder, siehe Bevölkerungsstruktur um 1900 in Saloniki/Mittelgriechenland/Nordgriechenland.

    Packt eure "Dicken" am Hintern und lasst die Geschichte ruhen. Feiern kann man erst nach getaner Arbeit... Und: es gibt verdammt viel aufzuräumen im Land der Trojahelden.

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