Wahlsieg der Konservativen steht außer Zweifel
Reformer fürchten eine Welle von Repressalien

Noch größer sei der Druck auf die städtischen Bediensteten: Wer am Tag nach der Wahl nicht den Stempel auf seinem Personalausweis zeigen könne, mit dem der Urnengang dokumentiert wird, riskiere seinen Arbeitsplatz. Mohammad Reza Chatami, der Bruder des Präsidenten, dessen Reformpartei die Wahl boykottiert, habe berichtet, dass das Innenministerium 30 000 falsche Wahlzettel gefunden habe, andere gingen sogar von zwei Millionen „vorbereiteten“ Wahlzetteln aus, so die Reporterin.

Die Reformer, längst ohne Rückhalt in der Bevölkerung, sind besorgt. Die islamischen Wächter haben die Daumenschrauben wieder angezogen. Gestern wurden zwei Tageszeitungen geschlossen, weil sie entgegen den Anordnungen des Nationalen Sicherheitsrats einen Brief der Reformer an das geistliche Oberhaupt des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, veröffentlicht hatten. „Wenn die Wahlbeteiligung über 30 Prozent liegt, müssen wir mit Repressalien rechnen, auch mit dem Verbot der Reformparteien“, sagt Mohammad Reza Chatami.

Ein Risiko besteht allerdings für die Konservativen, wenn ihnen ihr voraussichtlicher Wahlsieg zu sehr zu Kopfe steigt und sie versuchen, die kleinen sozialen und gesellschaftlichen Freiheiten zurückzudrehen, die sich im Laufe der Jahre in Iran entwickeln konnten. Eine erneute Stärkung der verhassten Sittenpolizei könnte zu Aufruhr führen in einer Gesellschaft, die keine Revolutionen mehr will. Denn auch wenn die nachgiebige Politik der Reformer von der Mehrheit der Iraner verurteilt wird, so ist die Mehrheit auch gegen das Regime der Ayatollahs. Die Bereitschaft, eine blutige Revolution wie 1979 in Kauf zu nehmen, ist nicht mehr vorhanden.

Falls wieder Frauen wegen zu kurzer Umhänge oder unter dem Kopftuch sichtbarer Haarsträhnen festgenommen oder die Begegnungen zwischen jungen Männern und Frauen in den Parks verboten würden, könnte die Jugend sich mobilisieren, die zwei Drittel der iranischen Gesellschaft ausmacht. Sie klagt mehr darüber, dass sie sich nicht kleiden kann, wie sie will, und nicht die westliche Musik hören kann, die sie mag, als dass sie sich für Politik interessiert.

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