Wall-Street-Manager
Schulden und Sühne

Die, die eben noch die mächtigsten Männer der Wall Street waren, sitzen in einer Reihe wie Schulbuben im blütenweißen Hemd auf einer Holzbank, mit brav gefalteten Händen: Lloyd Blankfein von Goldman Sachs, Citigroup-Chef Vikram Pandit, Kenneth Lewis von Bank of America und fünf weitere Vorstandschefs amerikanischer Großbanken.

NEW YORK. Man sieht, dass sie sich unwohl fühlen in diesem überfüllten Saal, dessen Wände mit dunklem Holz vertäfelt sind. Washington ist nicht ihre Sphäre. Dies ist nicht Business, dies ist Politik: eine Marathon-Sitzung vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses in Washington. Geschlagene sieben Stunden wird sie dauern. Aber es dauert nur wenige Minuten, bis der Abgeordnete Barney Frank den Ton vorgibt und sie wissen, was sie erwartet. Barney kommt auf Managergehälter in Zeiten der Krise zu sprechen.

"Warum um alles in der Welt brauchen Sie Boni? Stehen Sie dann morgens früher auf?" Er klingt wie ein schlecht gelaunter Offizier beim Morgenappell. "Warum können Sie nicht einfach ein Gehalt kriegen und Ihren Job machen?" Barney ist einer der einflussreichsten Abgeordneten der Demokraten, ein braunes Holzhämmerchen in seiner fuchtelnden linken Hand weist ihn als Vorsitzenden des Bankenausschusses aus.

Nach einem Moment betretenen Schweigens wagt sich John Mack als Erster aus der Deckung: "Wir lieben, was wir tun. Selbst wenn Sie mir in meinem besten Jahr keinen Bonus zahlen, wäre ich immer noch hier." Mack ist langjähriger Chef von Morgan Stanley, eine Institution an der Wall Street.

"Dann", sagt Barney, "wäre das ja geklärt." Er werde für seinen Service als Effizienzberater auch keine Rechnung stellen.

Belehrungen für die Koryphäen der Wall Street? Abschaffung des Bonuswesens? Die Finanzarchitektur der weltgrößten Volkswirtschaft hat sich verschoben, und Millionen Amerikaner können vor dem Fernseher live und in Farbe dabei zusehen. Diese Sitzung ist eine Demonstration der Macht. Ihre Kernaussage: Die neue Konzernzentrale Amerikas steht in Washington, ihr CEO heißt Barack Obama.

Denn Washington regiert nicht nur die Wall Street. Wenn Not ist, winkt die neue Administration mit Geldscheinen. Milliardensummen zur Stabilisierung des Bankensystems. Eine Billion Dollar für die Kreditversorgung der Wirtschaft. In Detroit, dem Mekka der todkranken Autoindustrie, fällt keine Entscheidung mehr ohne die US-Regierung. Die seit Jahren kriselnde Branche hat kurz vor Weihnachten ihre letzten Finanzreserven verbrannt und kann nur mit 17,4 Milliarden Dollar vom Staat vor dem kollektiven Zusammenbruch gerettet werden. Und schon ist die nächste Tranche an Staatshilfen in Vorbereitung. Washington will mitreden - wenn schon nicht bei der Strategie, so doch in Kosten- und Stilfragen. Wer zahlt, bestimmt die Spielregeln.

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