Wanderarbeiter in Schweden
Blutige Beeren

Tausende Wanderarbeiter aus Thailand ernten zurzeit die Beeren in Schwedens Wäldern – unter erbärmlichen Bedingungen. Seit einer Woche streiken 50 von ihnen in Umeå. Sie gehen damit ein hohes Risiko ein.
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Zwei Monate schon sammelt er täglich zehn bis zwölf Stunden Beeren im Wald, und zwei Monate hat er keine Krone Lohn erhalten, berichtet Windi Kawkebkam. Seine Augen sind rotgeädert, trotz der warmen Witterung trägt er Steppjacke und Skihose. Wie die anderen 50 thailändischen Pflücker wirkt er erschöpft. Sie sind aus dem Wald in die Stadt gekommen und campieren seit einer Woche in Autos auf einem leerstehenden Grundstück der Universitätsstadt Umeå im Land Västerbotten. „We want help“ steht auf einer LKW-Plane.

Die thailändischen Beerenpflücker in Schweden sind die polnischen Spargelstecher in Deutschland. Sie erledigen Arbeiten, für die sich keine einheimischen Arbeitskräfte finden. Doch das Image der schwedischen Beerenpflückerindustrie ist noch schlechter als das der deutschen Spargelwirtschaft. Regelmäßig zur Beerensaison protestieren in Schweden Pflücker, die unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften und dann um ihren Lohn geprellt werden.

Das „Jedermannsrecht“ erlaubt es allen, die Blaubeeren, Preiselbeeren und Moosbeeren, die Schwedens Wälder wie einen Teppich bedecken, zu sammeln. Das Geld liegt quasi auf dem Boden. Auch Unternehmen machen sich das Jedermannsrecht zunutze, heuern billige Arbeitskräfte an, lassen sie den Reichtum der Wälder ernten und verkaufen die Beeren an die Industrie.

Rund 150.000 Tonnen Beeren haben kommerzielle Pflückerfirmen im vergangenen Jahr geerntet. Das geht aus einem noch unveröffentlichten Bericht der Nichtregierungsorganisation Swedwatch hervor, die Brancheninformationen zusammengetragen hat. „Nur etwa 20 Prozent der Beeren bleiben in Schweden, der größte Teil wird nach Japan und andere asiatische Länder exportiert, wo sie von multinationalen Konzernen für Medizin- und Kosmetikprodukte verwendet werden“, erklärt der Autor des Berichts Mats Wingborg.

Praktische jede einzelne schwedische Beere ist von einem Wanderarbeiter gepflückt worden. In diesem Jahr hat das schwedische Migrationswerk über 6.000 Genehmigungen für ausländische Arbeiter erteilt. Sie kommen alle aus Thailand.

Kommentare zu " Wanderarbeiter in Schweden: Blutige Beeren"

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  • ........in diesem Steuerstaat gibt es alles, auch so etwas. Ich bin soeben dort, weil ich dort 2 x im Jahr hinmuß. Kann mir also ein Urteil erlauben, und das seit 60 Jahren. Nur so viel zu Beginn, ich möchte sie nicht in der EU haben, was ja auch nicht der Fall ist. Sie haben sich gegen den Euro ausgesprochen und möchten ihre Müllwährung SKR weiter behalten. Sollen sie, gut so. Was unangenehm ist, ist das Abzocken Alles, was aus dem Süden kommt, wird auf den Tisch gelegt und ausgenommen. Sie würden am Liebsten alles besteuern, die Atemluft und die Schuhsollen-Steuer einführen. Und das mit einer Eiseskälte, ohne Veränderung der Mimik. Freundlichkeit gibt es nicht, nur menschliche Kälte. Der Umgang mit anderen als mit Schweden ist Programm. Sie müssen mit gleicher Kälte und Konsequenz behandelt werden. Das, was mit den Asiaten gemacht wird, ist Programm.......ein Verbrechen. Es kann für den deutschen Touristen nur heißen die Taschen geschlossen zu halten und sich nur auf das Notwendigste zu konzentrieren. Von meiner Seite gibt es keine Sympathie für dieses Völkchen...........

  • Mal zu den nationalen Besonderheiten der Pflückerbrigaden in Schweden: Die Thai-Frauen machen das Beerenpflücken (Grund für Erteilung eines Visum) erst durch Prostitution wirtschaftlich interessant. Scheint für die Männer/Väter antscheinend auch kein Problem darzustellen. Die Beeren sind letztendlich nur für die unverfängliche Kontaktaufnahme mit den Freiern erforderlich. Beeren darf man in Schweden ja kaufen - Sex kaufen wäre ja strafbar. Zum Erlös der verkauften Beeren-Eimerchen kommt also noch der Umsatz/Gewinn der "schnellen Nummern".
    Wenn es um die Beschaffung eines Gratis-Heimreisetickets auf Mitleidbasis des Steuerzahlers geht - dann wird der "kleine Nebenverdienst" natürlich nicht weiter thematisiert.

  • ich glaube das, was dieser artikel beschreibt voll und ganz. denn ich habe es selbst gesehen und miterlebt wie leiharbeiter ausgeplündert werden, zwar nicht in schweden - sondern in deutschland - wohnend in einem abbruch haus matrazen verschimmelt auf dem boden, zerbrochene waschbecken - nur kaltes wasser - es wurden leute aus ostdeutschland beschäftigt. kein lohn und keine wöchentliche rückfahrt wie versprochen.
    am ende hatten die arbeiter keinen penny mehr in der tasche undmußten sich von freunden u. a. von mir geld leihen, das sie nie zurückzahlen konnten weil sie ja auch kein arbeitslosengeld bekamen und auch noch keine sozialhilfe.
    so viel ich weiss wurden diese menschen für großräume der luxusfirma audi in ratingen ausgeplündert. würde gerne mal sehen wie das heute aussieht dort, sicher schnicke und propper.

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