„Wann wacht der Westen auf?“
Nacht der Angst in Georgien

„Bleibt zu Hause und verfallt nicht in Panik“, rief Präsident Michail Saakaschwili seine Landsleute auf. Doch es wurde eine Nacht der Angst. Handelsblatt-Korrespondent Mathias Brüggmann schildert seine Beobachtungen in Tiflis.

TIFLIS. „Zu essen bekommen Sie nichts mehr. Wir machen gerade zu.“ Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlagen die Worte der Kellnerin ein. Gerade hatte ihr Mobiltelefon geklingelt. Verwandte hatten berichtet, dass russische Truppen auf dem Vormarsch in die georgische Hauptstadt Tiflis seien. Und dann waren da die Worte von Staatschef Michail Saakaschwili: „Bleibt zuhause und verfallt nicht in Panik“, sagte der Präsident im Fernsehen – und dabei lachte er zum ersten Mal seit Ausbruch des Krieges am frühen Freitagmorgen nicht mehr. Aber er gab sich auch kämpferisch: „Wir werden niemals aufgeben.“

Das hörten die Menschen in Restaurants und Geschäften schon nicht mehr. Denn panikartig wurden die schweren Metall-Jalousien und Gitter heruntergezogen, die Läden dichtgemacht. In dichten Trauben liefen die Gäste und Kunden aus den kleinen Gassen im Schatten der im Zentrum dicht stehenden georgisch-orthodoxen Kirchen mit ihren typischen Spitzkuppeltürmen in der Mitte und den aus natürlichen Schwefelquellen gespeisten alten Badehäusern auf die Hauptstraße. Nur auf Zigaretten wollten die meisten gerade in diesen aufgeregten Stunden nicht verzichten. So wurden die Verkäuferinnen in den gerade schließenden Kiosken bedrängt, viele kauften schnell noch drei oder fünf Päckchen Zigaretten.

Schlangen bilden sich an den Bushaltestellen. Doch viele können nicht mehr warten und so laufen sie einfach los gen heimischer Wohnung oder halten vorbeifahrende Autos an. „Nimm uns mit“, ruft eine Mutter mit ihrer Tochter im Teenager-Alter einem Fahrer eines Uralt-Opel-Corsas ins offene Fenster.

Da stehen schon im Licht der untergehenden Abendsonne bereits die ersten georgischen Soldaten am Stadtrand. In Kolonnen von Militärlastern waren sie von der Front zurückgekommen. Dabei waren viele der noch aus Sowjetzeiten stammenden Laster mit überkochenden Kühlern liegen geblieben. Und die jungen, schwer bewaffneten Männer mussten im Fußmarsch zurück an die Hauptstadt-Front. Denn dort hatte der Chef des georgischen nationalen Sicherheitsrates, Alexander Lomaia, zum Bilden eines Verteidigungsrings um Tiflis aufgerufen.

Auch in den Luxushotels in der Innenstadt werden schon Zettel unter den Zimmertüren durchgeschoben, man solle sich nun unbedingt bei der Botschaft seines Landes melden, um Evakuierungsmaßnahmen zu erfahren. Und detaillierte Fluchtpläne aus den Gebäuden werden verteilt. Aber solange der Strom für den in diesen Stunden so wichtigen Fernseher und für das Licht da ist scheinen die Russen noch nicht zu kommen, denken viele.

Und so harren die Menschen in ihren Häusern aus. Die bisher vorherrschende kaukasische Fröhlichkeit und Geschäftigkeit hat Tiflis endgültig verlassen. Die Angst geht um, und die Menschen harren in ihren Häusern an den menschenleeren Straßen aus.

In ihren Wohnungen sehen sie die dramatischen Bilder von den Kämpfen: Brennende georgische Panzer, verkohlte Wohnblocks in der Stalin-Stadt Gori, Artilleriefeuer, eingestürzte Ruinen, verstreut auf den Straßen liegende Tote, georgische Geschütze, die unter Zweigen versteckt in der Haupteinfallstraße der Hauptstadt stehen. Und immer wieder: Russische Panzer, russische Kampjets, russische Haubitzen.

„Wann wacht der Westen auf?“

Und wieder Präsident Saakaschwili: „Wann wacht der Westen auf und stoppt diesen Irrsinn?“, fragt er da und berichtet von „ungekannter Brutalität, mit der die Russen vorgehen. Sie richten gefangene Georgier einfach gleich an Ort und Stelle hin. Und das sind diejenigen, die uns Völkermord vorwerfen!“ Das schwarze Haar des 40-Jährigen wird dabei vom Wind vor seinem Palast, der eben auch nicht mehr ist als eine gebäudegroße Attrappe aus Stoff mit aufgedruckten Steinsäulen, zerzaust, als er sagt: „Russland will das kleine unabhängige Georgien ganz einnehmen.“

Kaum zurückhaltender sind wenig später die Worte des US-Präsidenten George W. Bush, die in die verrammelten Wohnungen der Hauptstädter flimmern: „Russlands Regierung muss die Unabhängigkeit Georgiens respektieren und seinen eingeschlagenen Kurs sofort ändern“, fordert der mit sehr tief zerfurchtem Gesicht auftretende angeblich stärkste Mann der Welt. Der Krieg habe schon jetzt „Russlands Ansehen in der Welt schwer geschadet“. Da ist es in Tiflis schon weit nach Mitternacht.

Viel düsterer sind da die Angaben des Roten Kreuzes: Für eine Einschätzung der Zahlen der Opfer dieses Krieges sei es „noch zu früh“.

Aber Georgien wäre nicht Georgien, wenn nicht am Morgen die Fernsehkanäle schon wieder Spielfilme zeigen und Unternehmer nicht die schweren Stahlgitter ihrer Geschäfte wieder hochziehen würden. Aber es sind längst nicht mehr alle: Viele Läden bleiben an diesem Morgen noch immer zu.

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