Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy liebt nach eigener Aussage die Engländer. Besonders groß dürfte die Liebe sein, wenn London für den geplanten Ausbau der britischen Kernenergie französische Nukleartechnik kauft. Doch das ist nicht das einzige Anliegen des Präsidenten.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beim Abschreiten der Ehrengarde auf Schloß Windsor. Hinter dem Präsidenten Prinz Philip. Foto: rtr
PARIS/LONDON. Zum Auftakt seiner Visite in der britischen Hauptstadt sparte Nicolas Sarkozy nicht mit überschwänglichen Worten. „Ich liebe die Engländer“, gab Frankreichs Staatspräsident zu Protokoll und sprach sich für eine „neue französisch-britische Brüderlichkeit“ aus. Die Briten revanchierten sich mit einem prunkvollen Empfang. Prinz Charles hauchte Frankreichs neuer Première Dame Carla Bruni-Sarkozy am Flughafen einen Handkuss auf den schwarzen Handschuh. König Elisabeth II. lud den französischen Präsidenten zu einer Fahrt in ihrer goldenen Kutsche und zu einer Übernachtung in ihrem Lieblingsschloss Windsor ein. So viel Ehre wird Staatsgästen in Großbritannien nur selten zuteil. Das Vereinigte Königreich lädt den französischen Präsidenten traditionell nur einmal während seiner gesamten Amtszeit zum Staatsbesuch ein, der letzte liegt schon zwölf Jahre zurück.
Für Staatschef Nicolas Sarkozy präsentiert sich also jetzt eine einmalige Gelegenheit, Großbritannien für seine Interessen zu gewinnen. Dabei haben für ihn zwei Themen Priorität: Gemeinsam mit Großbritannien will Sarkozy die militärische Zusammenarbeit in der EU vorantreiben, ein wichtiges Anliegen der zur Jahresmitte beginnenden französischen EU-Präsidentschaft. Außerdem will Sarkozy den Briten französische Nukleartechnologie verkaufen, nachdem die Regierung in London den Neubau von Kernkraftwerken angekündigt hat.
Die französische Charmeoffensive kommt zu einem günstigen Zeitpunkt. Die politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern haben sich seit Chiracs Staatsbesuch im Jahr 1996 merklich verbessert. Damals war der Streit über den Irak-Krieg noch nicht vergessen. Chirac hatte nicht nur den Führungsanspruch der Weltmacht USA infrage gestellt, sondern auch die „special relationship“ zwischen Amerika und Großbritannien. Die daraus resultierenden britischen Irritationen sind gegenstandslos geworden, seit Sarkozy im Elysée-Palast residiert. Denn der neue französische Staatschef ging entschlossen auf die USA zu und bekräftigte am Mittwoch bei seiner Rede vor dem britischen Unterhaus seine Bewunderung für das britische Wirtschaftsmodell.
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Trotzdem ist nicht zu erwarten, dass Sarkozy mit seinen verteidigungspolitischen Initiativen offene Türen in London einrennt. Der französische Präsident würde gerne anknüpfen an die Vereinbarung von Saint-Malo. Dort hatten Ex-Präsident Jacques Chirac und Ex-Premier Tony Blair 1998 den Grundstein gelegt für eine autonome europäische Verteidigungspolitik. In diesem Sinne will Sarkozy nun weitergehen und lockt die Briten mit zwei Angeboten. Zum einen will Frankreich sein Engagement in Afghanistan verstärken und zusätzlich 1 000 Soldaten entsenden. Zum anderen will Sarkozy seine Streitkräfte wieder in die Kommandostruktur der Nato einbringen.
Das wird aber nicht reichen, um die traditionell euroskeptischen Briten in überzeugte Anhänger einer EU-Verteidigungspolitik zu verwandeln. Premier Gordon Brown dürfte neue EU-Initiativen schon deshalb ablehnen, weil er den EU-Reformvertrag von Lissabon zu Hause noch ratifizieren und deshalb auf die EU-Gegner im eigenen Land Rücksicht nehmen muss. Für britisch-französische Rüstungsprojekte fehlen London zudem die finanziellen Mittel, denn das britische Haushaltsdefizit ist zuletzt deutlich gestiegen.
Auf gute Geschäfte kann Frankreichs Präsident in London aber hoffen. Großbritannien wolle in Kürze einen Auftrag für Airbus-Tankflugzeuge festzurren, meldet die Nachrichtenagentur Reuters. Wahrscheinlich werde die Order am Donnerstag bekanntgegeben, hieß es. Das Auftragsvolumen beträgt 25 Milliarden Dollar.
Auch der französische Atomkraftwerksbauer Areva rechnet mit britischen Aufträgen. Britische Aufsichtsbehörden genehmigten vergangene Woche unter anderem auch ein Areva-Kraftwerksmodell. Der britische Energieminister John Hutton bekräftigte am Mittwoch, dass Großbritannien den Anteil der Atomkraft an der Energieversorgung deutlich ausbauen wolle.


