Warschau erhöht Konjunkturprognose
Polen wird neuer Wachstumsmotor in Europa

Polen hat sich in an die Spitze der Wachstumsliga in Europa katapultiert. Während die meisten EU-Staaten im zweiten Quartal abermals mit sinkender Wirtschaftsleistung kämpfen musste, legte das Bruttoinlandsprodukt in Polen um 1,1 Prozent gegenüber dem Winterquartal zu.

BERLIN. Die polnischen Medien feierten am Wochenende die Daten: "Polen - Führer in Europa", titelte die liberale "Gazeta Wyborca" über die neuerdings am stärksten wachsende Volkswirtschaft Europas. Dazu zeigte das Blatt den konservativen Regierungschef Donald Tusk und seinen Finanzminister Jacek Rostowski vor einer tiefroten Tafel europäischer Länder, aus der nur Polen grün leuchtete.

"Wir sind das einzige EU-Land mit solch einem guten Wachstum und wir sind hier um anzugeben", sagte Tusk bei der Vorstellung der aktuellen Wirtschaftsdaten. "Polen ist der unangefochtene Wachstumsmotor in der EU."

Und tatsächlich: während im Rest der Welt die schärfste Rezession der Nachkriegszeit tobt, dürfte Polen seine Wirtschaftsleistung nunmehr das vierzehnte Jahr in Folge steigern können. Denn auch im dritten und vierten Quartal rechnet das Wirtschaftsministerium mit rund einem Prozent Wachstum - damit dürfte die Wirtschaft im Gesamtjahr deutlich stärker wachsen, als die Regierung bislang prognostizierte. Die EU-Kommission hatten Polen gar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr vorhergesagt.

Angetrieben von den guten Daten legten am Freitag Aktienkurse und die im Zuge der weltweiten Finanzkrise stark gebeutelte Landeswährung Zloty weiter zu. Der polnische Börse ist inzwischen der am stärksten wachsende der Region seit Jahresbeginn. Polen ist die mit Abstand größte Volkswirtschaft der osteuropäischen EU und Deutschlands wichtigster Handelspartner im Osten. Stütze des Wachstums sind die Bauwirtschaft und der Außenhandel, während der Konsum schwächelt.

Ökonomen und Finanzminister Rostowski warnten deshalb vor Risiken und wie steigender Arbeitslosigkeit, noch weiter zurückgehenden Investitionen und einem stark ansteigenden Haushaltsdefizit. "Das ist noch nicht das Ende der Krise", sagte Rostowski. Und Lukasz Tarnawa, Chefökonom der PKO Bank Polski, wies darauf hin, "dass die Struktur des Wachstums sehr unvorteilhaft ist".

Die tschechische Zentralbank erwartet unterdessen laut einem am Freitag veröffentlichten Report einen Rückgang der Wirtschaftsleistung 2009 um 3,4 Prozent und einem Wachstum von 1,6 Prozent in 2010. Für Slowenien wird indes von Ökonomen in einer Freitag veröffentlichten Befragung mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums von 8,8 Prozent gerechnet.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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