Warten auf Leitzinssenkung
Die Fed lauert weiter und bewegt sich nicht

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat es nicht leicht, ihr dauerhaftes Festhalten an stabilen Leitzinsen zu rechtfertigen. Während auch morgen keine Änderung erwartet wird, diskutieren Ökonomen gar die Möglichkeit einer Rezession.

NEW YORK. Die amerikanische Notenbank wird aller Voraussicht nach die Leitzinsen morgen wiederum unverändert bei 5,25 Prozent belassen. Die Händler an den Finanzmärkten warten seit nunmehr zehn Monaten auf die erste Zinssenkung in den USA. Genährt werden die Hoffnungen auf eine baldige Lockerung der US-Geldpolitik durch die Krise auf dem Immobilienmarkt, den Rückgang des Wirtschaftswachstums auf zuletzt nur noch 1,3 Prozent und den nur noch schwachen Beschäftigungszuwachs von 88 000 Stellen im April.

Die Federal Reserve (Fed) hatte jedoch bei ihrer letzten Sitzung Ende März betont, dass die Inflation immer noch ihre Hauptsorge sei. Fed-Chef Ben Bernanke bekräftigte kurz danach die restriktive Haltung der Notenbank. Die US-Kerninflation (ohne Lebensmittel- und Energiepreise) lag zuletzt bei 2,1 Prozent. Das ist knapp oberhalb der inoffiziellen Toleranzgrenze der Fed von etwa zwei Prozent.

Ein Hauptgrund für die anhaltenden Inflationsängste bei der Notenbank war bis vor kurzem die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit trotz der Wachstumsschwäche nicht gestiegen war. Im April erhöhte sich jedoch die Arbeitslosenquote erstmals wieder leicht auf 4,5 Prozent. Ökonomen rechnen damit, dass insbesondere die notleidende Bauindustrie in den kommenden Monaten noch zahlreiche Stellen abbauen wird. In der Vergangenheit hat ein Anstieg der Arbeitslosenquote oft Zinssenkungen nach sich gezogen.

Erschwert wird die Arbeit der Fed noch dadurch, dass die Produktivität der US-Wirtschaft nicht mehr so schnell wächst wie in den Vorjahren. Janet Yellen, Fed-Präsidentin in San Francisco, schätzt, dass sich der Produktivitätstrend von zuvor rund drei Prozent auf nur noch zwei bis 2,5 Prozent abgeschwächt hat. Je höher die Produktivität, desto eher kann die Wirtschaft inflationsfrei wachsen. Auch könnten die wieder steigenden Energiepreise und der schwache Dollar das Preisniveau in Amerika nach oben treiben.

Eine wachsende Minderheit der Ökonomen an der Wall Street ist jedoch der Meinung, dass die Wachstumsrisiken inzwischen größer sind als die Inflationsgefahren. Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor an der New York University, rechnet bereits mit einer Rezession. Auch der frühere Fed-Chef Alan Greenspan hatte vor kurzem das Risiko einer Rezession in den USA auf 33 Prozent beziffert. Skeptiker wie Jan Hatzius von der Investmentbank Goldman Sachs glauben zwar nicht an eine Wirtschaftskrise, sagen jedoch für das laufende Jahr nur eine Wachstumsrate von knapp zwei Prozent voraus.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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