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06.01.2009 
Japan

Warum die Krise Japans Regierung bedroht

von Finn Mayer-Kuckuk

Jung, qualifiziert – und womöglich für immer arbeitslos. Wie die Weltwirtschaftskrise Japans größtes soziales Problem verschärft, und warum die Regierung deswegen schon bald ihre Macht verlieren könnte.

Die Wirtschaftskrise macht immer mehr Japaner obdachlos (Foto: ap)Lupe

Die Wirtschaftskrise macht immer mehr Japaner obdachlos (Foto: ap)

TOKIO. In der Videospiel-Halle „Adores“ in Tokios Stadtteil Ikebukuro tobt der Nahkampf. Auf Hunderten von Bildschirmen schießen, schlagen und springen virtuelle Gestalten hin und her. Draußen fällt Nieselregen, drinnen betäuben Zischen, Piepen und Musik die Ohren – und irgendwann auch die Seele. Deshalb ist Tsuyoshi hier. Mal schlägt er bei „Street Fighter“ die Gegner zusammen, mal grübelt er über dem Strategiespiel „Großer Kampf der drei Reiche“. „Nachdem ich hier mehrere Stunden gezockt habe“, sagt der 23-Jährige, „ist mein Geist auf null zurückgestellt.“ Sein tägliches Elend scheint fern.

In einem Café um die Ecke erzählt Tsuyoshi. Dichter Qualm hängt in der Luft, auch Tsuyoshi raucht hastig. Heute wird der Tagelöhner in der Warenannahme eines Kaufhauses jobben. Morgen vielleicht schon woanders. Er hatte sich seine Zukunft ganz anders vorgestellt. Andererseits, und er zeigt auf das Titelbild einer Zeitung: „Der Mann da, der ist echt krank.“

Die Titelseite zeigt das Bild von Takeshi K., Mörder eines Ex-Staatssekretärs im Sozialministerium. Der 46-Jährige hatte den Politiker im Dezember umgebracht – angeblich, weil das Gesundheitsamt vor 34 Jahren seinen Hund töten ließ.

Das Verbrechen steht für eines der drängendsten Probleme Japans: Immer häufiger enden gut qualifizierte junge Menschen als Gelegenheitsarbeiter; und manchen wie Takeshi K. lässt die gesellschaftliche Ächtung am Ende ausrasten. Professor Masahiro Yamada von der Chuo-Universität in Tokio hat dafür einen Begriff erfunden: Er nennt es „Aus-der-Pipeline-tropfen“. Die Leistung von Japans aktueller Politikergeneration wird einmal danach gemessen werden, ob sie den passenden Stopfen findet.

Es geht um die soziale Frage in einem Land, dessen Harmoniegesellschaft mit Ungleichheit von jeher nicht sonderlich gut zurechtkommt. Auf der Sonnenseite die Festangestellten, auf der Schattenseite die Tagelöhner. Die Weltwirtschaftskrise verschärft dieses Problem noch. Nachdem in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der nicht Festangestellten von zehn auf 18 Prozent – oder 18 Millionen – stieg, droht diesen nun krisenbedingt der Rauswurf und damit der endgültige soziale Abstieg.

Am schlimmsten trifft es die Autopräfektur Aichi. Erst kürzlich hat Toyota bekanntgegeben, von 8800 Zeitarbeitern 5800 Mitarbeiter zu entlassen. Bei Nissan sind es 1000, bei Toshiba 400, bei Honda 450 Mitarbeiter – bis zum Frühjahr dürften es branchenweit 17000 sein. Laut Statistik des Arbeitsministeriums haben allein im November 220000 Japaner in der Transportbranche ihre Jobs verloren, meist Angehörige des neuen Prekariats. Die Zeitarbeitergewerkschaft Haken Yunion rechnet für die kommenden Monate mit der Vernichtung von weiteren 100000 Arbeitsplätzen.

Politisch steckt darin erheblicher Zündstoff. In diesem Jahr wird gewählt. „Gesellschaftliche Ungleichheit eignet sich in Japan hervorragend als Thema für Auseinandersetzungen auf der politischen Bühne“, sagt der Politologe Yasunori Sone von der Keio-Universität. In ihrem Weißbuch zur Jugendpolitik musste die Regierung gerade zugeben, dass sich das Prekariats-Problem auf hohem Niveau „verhärtet“ habe.

Ein fester Job ist im Land der aufgehenden Sonne zum Luxusgut geworden.

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