Warum die Spanier an Ceuta und Melilla festhalten
Teurer Vorposten

Es ist ein Ansturm der Verzweifelten aus halb Afrika auf die Festungen Melilla und Ceuta, die zweite spanische Exklave in Marokko. Seitdem Bilder von verletzten und getöteten Afrikanern um die Welt gehen, denen der Zutritt nach Europa radikal verwehrt wurde, fragen sich viele in der EU: Warum gibt Spanien die Städte nicht auf?

MELILLA. Die Straßen sind schlecht asphaltiert, viele Häuser nicht fertig gebaut. Es gibt kaum Bürgersteige und noch weniger Grün. Frauen mit Kopftüchern eilen in den Supermarkt oder zu ihrem Putzjob. Dunkelhäutige Kinder spielen in einer der wenigen Parkanlagen. Wären da nicht die kleinen Bars mit ihrem hohen Geräuschpegel, die Geschäfte und die vielen Uniformträger mit der rot-gelben Flagge, man würde nicht vermuten, dass dies hier Spanien ist, und das seit mehr als 500 Jahren: Melilla, Hafenstadt an der marokkanischen Küste, 70 000 Einwohner, 20 Quadratkilometer.

Wie wichtig Melilla früher mal für Spanien war, lassen heute nur noch die historischen Festungsmauern erahnen, der Rest ist heruntergekommen. Vom Stolz und Reichtum der Vergangenheit keine Spur mehr. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als elf Prozent, und erst vor kurzem hat Melilla beim Pro-Kopf-Einkommen gerade mal 75 Prozent des europäischen Durchschnitts erreicht. Dennoch zieht die Stadt Menschen an – mehr denn je. Es ist ein Ansturm der Verzweifelten aus halb Afrika auf die Festungen Melilla und Ceuta, die zweite spanische Exklave in Marokko. Gerade in diesen unruhigen Tagen, seitdem Bilder von verletzten und getöteten Afrikanern um die Welt gehen, denen der Zutritt nach Europa radikal verwehrt wurde, fragen sich viele in der EU: Warum gibt Spanien die Städte nicht auf? Warum hängen die Iberer so an den Exklaven? Marokko fordert seit seiner Unabhängigkeit 1956, dass Spanien sich von Melilla und Ceuta trennt.

Für die 42 Millionen Spanier ist gerade das aber völlig undenkbar – auch wenn längst 50 Prozent der Bevölkerung in Melilla Muslime marokkanischer Herkunft sind und nur ihr Pass sie zu Spaniern macht. Die Souveränität über die Exklaven ist für Spanien in erster Linie Ehrensache, die Experten mit Erfahrungen in der Vergangenheit begründen: „Noch immer gibt es die Angst, es könnte noch einmal eine Invasion aus dem Süden geben“, sagt Juan Carlos Martínez Lázaro von der Madrider Businessschule Instituto de Empresa.

Dies liegt inzwischen zwar lange zurück, wirkt aber bis heute nach. „Die Marokkaner stehlen und betreiben Schwarzhandel“, sagt Ángel Gutiérrez, Generalsekretär der größten spanischen Gewerkschaft CCOO in Melilla. Der einfach gekleidete Mann mit dem durchdringenden Blick erzählt, dass die spanischen Grenzpolizisten noch in den 80er-Jahren den marokkanischen Pass „Hundepass“ nannten – Ausdruck der tiefen Verachtung gegenüber dem arabischen Nachbarn, dessen Vorfahren 711 die Iberische Halbinsel besetzten und achthundert Jahre blieben.

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