Wassermangel und Abgase belasten Chinas Hauptstadt
Peking krempelt sich für Olympia komplett um

Im Pekinger Diplomatenviertel Sanlitun rücken bald die Bagger an. Auf ganzen Häuserzeilen prangt dort seit Wochen ein chinesisches Schriftzeichen: Chai! Das Wort für „Abriss“ ist derzeit überall in Chinas Hauptstadt zu finden. Es ist die Parole zum Neubeginn – die Metropole soll ein völlig neues Gesicht erhalten.

PEKING. Momentan aber bietet Peking noch das Bild eines chaotischen, von 20 000 Baustellen durchlöcherten Molochs, der in Verkehr und Staub zu ersticken droht. Das ehrgeizige Ziel, 2008 „grüne“ Olympische Spiele zu veranstalten und Peking zu einer Öko-City zu machen, bereitet Bürgermeister Wang Qishan im Augenblick noch Kopfzerbrechen: „Wo ich auch hinschaue“, sagt der 57 Jahre alte ehemalige Banker, „scheint es Probleme zu geben.“

Eine der Schwierigkeiten ist der immense Wasserverbrauch. Gut zwölf Millionen Einwohner hat die Stadt schon heute – mehr als von der Uno für 2015 prognostiziert –, und die sitzen vielleicht bald auf dem Trockenen. Wie viele Großstädte Chinas leidet die Hauptstadt unter Wassermangel. Pro Jahr schluckt sie 3,4 Milliarden Kubikmeter. Zum Vergleich: Berlin verbrauchte im vergangenen Jahr 201 Millionen Kubikmeter. „In Peking sind die Wasservorräte auf dem Level einer Wüstenstadt“, sagt Jürgen Paulussen, Berater an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Die Wüste Gobi ist nur 17 Kilometer entfernt.

Zu allem Überfluss nimmt die starke Umweltverschmutzung den Hauptstädtern auch noch die Luft zum Atmen. Im Osten und Westen der Stadt pusten noch immer große Chemie- und Stahlwerke ihre Abgase in die Luft. Bisher gibt es nur zwei U-Bahn-Linien, zehn weitere sind im Bau. Dafür fahren in Peking zwei Millionen Autos; bis 2008 werden es drei Millionen sein. Ihre Abgase machen jeden Klimafortschritt – etwa durch die Umstellung auf Gasheizungen – zunichte. Peking zählt heute zu den 20 dreckigsten Städten der Welt.

Ersticken oder verdursten? Nicht zuletzt wegen der Umweltprobleme treibt Bürgermeister Wang den Wandel in der Stadt der Tempel und Hutongs, wie die 6000 traditionell eingeschossigen Wohnviertel genannt werden, voran. Dabei plant man weit über die Olympischen Spiele hinaus.

„Als Momentaufnahme ist Peking nur schwer zu fassen“, sagt Berater Paulussen. Der Stadtentwickler empfiehlt den Besuch einer „Zeitmaschine“ im „Beijing Urban Planing Exhibition Center“. In einem 400 Quadratmeter großen und begehbaren Modell stellt die Stadt dort auf drei Etagen ihren ehrgeizigen Masterplan für die Zukunft der Metropole vor. In buntem Licht erstrahlt der neue Financial District im Osten mit dem künftigen Wahrzeichen der Stadt – zwei ineinandergeschlungene z-förmige Gebäude, in denen der Staatssender CCTV seine Zentrale bekommt. Oder das neue Nationaltheater neben der Verbotenen Stadt. Und natürlich die gigantischen Bauten für Olympia.

So stolz die Pekinger auch auf ihre neue Glitzerstadt und die Ausrichtung der Sommerspiele sind – vielen Bürgern gefällt der Wandel nicht: „Meine Kindheitserinnerungen sind längst verschwunden“, sagt Yao Jing, Reporterin bei der Architekturzeitschrift „Space“. „Wo einst meine Familie lebte, stehen heute Wohnriegel.“ Immerhin wurden kürzlich einige Straßenzüge der Hutongs unter Denkmalschutz gestellt. Doch wo das Zeichen für Abriss gepinselt wird, müssen die Menschen innerhalb eines Monats ausziehen.

„Ein chinesischer Bürgermeister kann seine Stadt in wenigen Jahren völlig umkrempeln“, sagt der Chinaexperte Sebastian Heilmann. Dass ganze Altstädte verschwinden, ist nach Ansicht des bekannten Architekten Wang Hui aber nicht nur politisch bedingt: „In Europa baut man Häuser für die Ewigkeit, in China ist Architektur wie eine Mode.“

Die Infrastruktur und die Verkehrssituation in Peking würden sich durch die Spiele auf jeden Fall verbessern, ist Stadtplaner Zhiqiang Wu von der Tongji-Universität in Schanghai überzeugt. Allerdings sei die Stadt, die dreimal so viel Raum wie Schanghai einnimmt, durch die zentrale Struktur mit großen Ringstraßen kaum in den Griff zu bekommen. „Diese Ringe kann man nicht durchbrechen und grüne Lungen schaffen“, so Wu. Dennoch wird eine sechste Ringautobahn geplant, von der Abfahrten zu zehn neuen Satellitenstädten abzweigen sollen.

Auch neue Grünflächen soll es trotz der Wasserknappheit geben. Wie so oft sucht Chinas Führung nach Wegen, die Natur zu besiegen. So wird erwogen, eine mehr als 1000 Kilometer lange Wasserpipeline vom Yangtse-Fluss nach Peking zu bauen. Und so wird die Ökostadt der Zukunft vielleicht doch Wirklichkeit, für die schon auf großen Plakaten geworben wird. Sie zeigen Häuser, umgeben von sattgrünen Weiden und Bergen. Pekings schöne Illusion – inmitten von Baustaub, Abrissbirnen und Dieselgestank.

Maos Erbe in Stichpunkten

Kampf für bessere Luft: Um die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen, wurden viele Fabriken und kleine Kraftwerke aus Pekings Innenstadt entfernt. Trotzdem liegen immer noch viele Luftverpester inmitten von Wohnvierteln.

Dreckschleuder: Der größte einzelne Umweltverschmutzer der Hauptstadt ist das Stahlwerk Shougang, auf dessen Gelände 100 000 Menschen arbeiten und leben.

Altlast: Fabriken wie Shougang sind ein Erbe der Mao-Ära. Der Große Vorsitzende wollte aus Peking eine Industriestadt machen. In den Außenbezirken wurden über Jahrzehnte Schwerindustrien angelegt, in die Innenstadt kamen Lokomotiv-, Auto- oder Textilfabriken, was zur Zersiedelung führte.

Abhilfe: Medien berichten, dass Shougang bis 2012 geschlossen werden soll. Beobachter glauben aber eher, dass das Stahlwerk vor Olympia seine Produktion drosselt – um danach mit vermehrter Kraft weiterzuarbeiten.

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