Wegen gebrochenen Embargos
OECD bestraft deutsche Pisa-Forscher

Deutsche Bildungsforscher und Bildungspolitiker werden nach Informationen des Handelsblatts vorerst bis Ende 2008 von exklusiven Vorabinformationen der Pisa-Forschung der OECD ausgeschlossen. Damit wird Deutschland wie Spanien dafür bestraft, dass nationale Medien 2007 vorab über Teilergebnisse der dritten Pisa-Studie berichtet hatten. Den Betroffenen tut das weh.

BERLIN. Der Pisa-Verwaltungsrat beschloss die Strafe im April, bestätigte das deutsche OECD-Büro dem Handelsblatt. „Damit sind wir von internationalen Daten abgeschnitten“, sagte der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel. Er kritisierte die Sanktion als „unfair“ und „heikel“, denn „die OECD hat ihr eigenes Embargo selbst gebrochen, als sie auf spanische Vorveröffentlichungen reagierte“, sagte er dem Handelsblatt.

Wissenschaftlich stelle der Ausschluss derzeit zwar nur eine kleine Behinderung dar. „Würden die Sanktionen jedoch für 2009 verlängert, wenn die nächste Pisa-Studie folgt, könnten wir keinen fundierten nationalen Bericht vorbereiten“, warnt Prenzel. „Ich hoffe daher sehr, dass sie nur bis Ende 2008 gelten.“

Mit den Sanktionen geht die Pisa-Affäre des Herbstes 2007 in die nächste Runde. Damals hatten eine Woche vor der Veröffentlichung spanische Medien über die Ergebnisse in Naturwissenschaften berichtet. Danach lagen die deutschen 15-Jährigen erstmals über dem Durchschnitt. Die OECD reagierte umgehend und veröffentlichte ihrerseits diesen Teil vorab.

OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher relativierte dabei das deutsche Ergebnis: der gute Platz sei keine Verbesserung, weil der Fragenkatalog geändert worden sei. Dem widersprach der deutsche Pisa-Koordinator Prenzel. Unionspolitiker forderten den Rücktritt des hier wegen seiner Kritik am gegliederten Schulsystem ohnehin unbeliebten OECD-Experten Schleicher. Drei Tage vor der Präsentation meldete dann die „Stuttgarter Zeitung“, Deutschland sei auch in Mathe und Deutsch wieder nur Mittelmaß.

Weil so Deutschland und Spanien das Embargo gebrochen haben, hat der Pisa-Verwaltungsrat, in dem auch das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz sitzen, beide OECD-Mitglieder bis Ende 2008 von Pisa-Vorabveröffentlichungen ausgeschlossen. Grund sei der „politische Schaden, den das in Drittländern angerichtet hat“, heißt es im Protokoll. „Das Embargo wurde ja nicht von den Zeitungen verletzt, die das Material gedruckt haben, sondern von den offiziellen Stellen oder Forschern, die es vorab von der OECD erhalten und an die Medien weitergeben haben“, stellte der OECD-Sprecher in Berlin, Matthias Rumpf, klar.

Bis November sollen die Länder klären, wie sie Info-Lecks stopfen wollen. Wie, ist unklar. KMK-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte dem Handelsblatt nur, die Vorabberichte hätten auch die Kultusminister geärgert. „Das hat nicht der Sache gedient, eine sachliche Diskussion war danach kaum noch zu führen.“

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%