Welt-Aids-Konferenz
Dauerwelle für das weltweite Immunsystem

Auf der Welt-Aids-Konferenz in Mexiko sorgen vor allem die kleinen Aktionen für Aufmerksamkeit. Der Renner ist ein aufklärerisches Friseur-Team.

MEXIKO-STADT. In den kurzen Pausen zwischen zwei Kunden greift Ricardo Neca zum Föhn und trocknet den Schweiß in seinem Gesicht. Dann richtet er schnell noch seine eigenen Haare, atmet einmal durch und winkt den Nächsten herbei. Seit fünf Stunden schneidet der 23-Jährige ohne Pause Haare, und die Schlange ist noch so lang wir am frühen Morgen. Gemeinsam mit drei Kollegen frisiert, föhnt und gelt Ricardo im Akkord für den guten Zweck. Denn er ist einer der „Frisöre gegen Aids“. Ganz nebenbei erzählt er seinen Kunden noch, wie man sich vor dem HI-Virus am besten schützt.

Das Projekt „Estilistas contra el Sida“ haben der Kosmetikkonzern L‘Oréal und die UN-Kulturorganisation Unesco 2005 initiiert, und es ist nicht nur im globalen Dorf der 17. Welt-Aids-Konferenz in Mexiko-Stadt der Renner. In mehr als 22 Ländern hübschen und klären inzwischen mehrere Tausend geschulte Friseure ihre Kunden auf. „Die Leute sind oft überrascht, wenn wir beginnen zu erzählen“, berichtet Ricardo. „Dann finden sie es aber gut.“

„Friseure gegen Aids“ ist so erfolgreich, dass es kommendes Jahr auf weitere 15 Länder ausgedehnt werden soll. Und es steht exemplarisch für eine der Erkenntnisse der Konferenz. Politische Galionsfiguren wie Ex-US-Präsident Bill Clinton sind wichtig. Aber vor allem die ungewöhnlichen Aktionen sind es, die die Menschen wachrütteln.

Und Wachrütteln ist noch immer nötig im Kampf gegen die Seuche. Es ist Tag drei der Konferenz, und die Zahlen, die durch die Hallen geistern, sind erschreckend. Ende 2007 waren weltweit 33 Millionen mit Aids infiziert, gestorben sind seit 1981 25 Millionen Menschen, im vergangenen Jahr gab es 2,7 Millionen neue Ansteckungsfälle.

Fast jedes Land ist deshalb hier vertreten: Nichtregierungsorganisationen wie die Deutsche Aids-Hilfe, Selbsthilfegruppen wie die Prostituiertenvereinigung Lateinamerikas und Graswurzelgruppen wie die Kinderhilfe aus Papua Neuguinea. In einer Ecke hüpfen kenianische „HIV-Breakdancer“ durch die Luft, während am anderen Ende des Dorfes die „Condoneras“, mexikanische Drag-Queens mit Mission, Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie stolzieren durch die Reihen, verteilen abwechselnd Handküsse und Kondome und posieren zum Erinnerungsfoto mit Besuchern.

„Hier ist es laut und lebendig, hier schlägt das Herz der Konferenz“, sagt Luís Carlos Escobar und lacht. Für den Bundesgeschäftsführer der Deutschen Aids-Hilfe ist das Globale Dorf der wichtigste Teil der Aids-Konferenzen. „Hier treffen sich HIV-Positive und Homosexuelle aus Afrika, Lateinamerika und den arabischen Staaten, die zu Hause stigmatisiert werden, und tauschen sich aus“, betont Escobar. „Hier geschieht das wichtige Networking.“

Wachrütteln und Kontakte knüpfen ist aber nur der eine Teil der derzeitigen Anti-Aids-Strategie. Der andere heißt Informationsaustausch. Die Welt-Aids-Konferenz, die alle zwei Jahre stattfindet, ist vermutlich der einzige Ort, an dem sich globales Dorf und Pharma-Messe so nahe kommen.

In Halle 1 des Kongresszentrums, einem gut ausgeleuchteten und gekühlten Flachbau, haben Unternehmen wie Boehringer-Ingelheim, Pfizer und Merck hochmoderne Stände in Power-Point-Atmosphäre aufgebaut. Auf Plasma-Bildschirmen sind Werbefilme für die neusten antiretroviralen Medikamente zu sehen, Pharmazeuten halten Vorträge, auf schwarzen Ledercouchs wird den wenigen Interessenten Kaffee gereicht. „Auch wir tragen hier unseren Teil zur Bekämpfung der Pandemie bei“, sagt der Vertreter eines US-Pharmaherstellers.

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