Weltenergiemarkt Staaten im Ölrausch – wer die neuen Mächtigen sind

Der Aufstieg neuer Ölstaaten ist dabei, das Machtgefüge auf dem Weltenergiemarktzu verschieben: Gewaltige Reserven in Kanada oder Brasilien schüren die Hoffnung auf ein Ende der Abhängigkeit von den Opec-Staaten. Doch diese Hoffnung ist trügerisch.
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Zwei irakische Arbeiter auf einem Ölfeld in der Nähe von Basra: Das Land bleibt ein Schwergewicht im Ölgeschäft. Quelle: ap

Zwei irakische Arbeiter auf einem Ölfeld in der Nähe von Basra: Das Land bleibt ein Schwergewicht im Ölgeschäft.

(Foto: ap)

SAO PAULO/DÜSSELDORF. Die neuen Fronten der Ölindustrie liegen tausende von Metern unter dem Meeresspiegel, im ewigen Eis und in den Weiten des kanadischen Westens. Die Kosten der Bergung des kostbaren Rohstoffs steigen enorm, und doch haben die westlichen Industriestaaten, Japan und China kaum eine Chance, ihre Abhängigkeit vom Produzentenkartell Opec entscheidend zu verringern. Die neuen Ölfunde bieten hingegen vielen Ländern die Gelegenheit, den wirtschaftlichen Aufstieg zu schaffen oder zu festigen.

Der spektakulärste Ölfund der vergangenen Jahre sind die Tiefseefelder vor Brasiliens Küste. 2007 kündigte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva stolz an, sein Land stehe vor dem Schritt zur internationalen Ölmacht.

Der staatliche Ölkonzern Petrobras hat im Fördergebiet Tupi zwischen fünf und acht Mrd. Barrel Öl (je 159 Liter) nachgewiesen. Dadurch erhöhten sich Brasiliens Reserven, die bis dahin knapp zur Selbstversorgung der aufstrebenden Wirtschaftsmacht reichten, um die Hälfte.

Doch die Vorkommen dürften weit größer sein: Bei Probebohrungen entlang der Küste unter einer Salzschicht in Tiefen ab 6 000 Meter haben die Explorationsteams noch an anderen Stellen hochqualitatives Öl und Gas gefunden. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt nun, dass Brasilien bereits 2015 mit einer Tagesproduktion von 3,1 Mio. Barrel der sechstgrößte Ölförderer der Welt sein wird – vor traditionellen Produzenten wie Kuwait oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Auf dem amerikanischen Kontinent ist Tupi die größte Entdeckung seit drei Jahrzehnten; weltweit war der Fund des Kashagan-Feldes in Kasachstan im Jahr 2000 mit geschätzten vier bis 13 Mrd. Barrel förderbaren Rohöls größer. Kashagan zeigt jedoch auch die Probleme, die solche Mega-Projekte mit sich bringen können: Nach vielen technischen und politischen Problemen und mehrfachen Umbesetzungen in dem Firmenkonsortium, das das Vorkommen im Kaspischen Meer ausbeuten will, hat sich der Produktionsstart auf 2014 verschoben und die Kosten sind auf weit über 100 Mrd. Dollar gestiegen.

In Brasilien dürften die Herausforderungen vor allem technischer Natur sein. Die Ölproduktion in solchen Tiefen und unter beweglichen Salzschichten ist echte Pionierarbeit. 174 Mrd. Dollar will Petrobras bis 2014 investieren, um den Schatz in der Tiefsee zu bergen. Die Schweizer Bank UBS rechnet damit, dass über 30 Jahre hinweg 600 Mrd. Dollar investiert werden müssen.

Ähnlich wie an der südamerikanischen Küste hat es in den vergangenen Jahren auch vor Westafrika große Ölfunde gegeben. Davon profitieren neben der etablierten, aber unter politischen Unruhen leidenden Ölmacht Nigeria der aufstrebende Opec-Stern Angola, aber auch das politisch stabile Ghana als Neuankömmling im Club der Ölstaaten. Wenn es in Zukunft gelingt, große Teile der Bevölkerung und nicht nur korrupte Eliten am neuen Wohlstand teilhaben zu lassen, dann könnten die neuen Funde dem ganzen afrikanischen Kontinent helfen, den Rückstand zu Asien und Südamerika zu verringern.

Alle diese neuen Funde werden jedoch die Abhängigkeit der Welt vom Öl aus dem Nahen Osten nicht beseitigen. Das liegt daran, dass die Produktion in traditionellen Regionen wie der Nordsee und den USA und wohl auch in Russland ihren Höhepunkt überschritten hat und in einen unaufhaltsamen Abwärtstrend eingetreten ist.

Nach Schätzungen der IEA wird die Produktion in den Mitgliedstaaten der OECD zwischen 2008 und 2030 Jahr für Jahr im Schnitt um 1,6 Prozent schrumpfen, während sie in den Opec-Staaten um 1,8 Prozent steigen wird. Der Anteil des Ölkartells am Weltmarkt wächst damit von 44 auf 52 Prozent, weil der Anteil der arabischen Opec-Mitglieder von 22 auf 29 Prozent zunimmt.

Das Zünglein an der Waage bleibt Saudi-Arabien, das Land mit den weitaus größten Ölreserven der Welt. In den Boomjahren bis 2008 hatte nur noch Saudi-Arabien ungenutzte Produktionskapazitäten, und diese Schlüsselrolle wird der Weltmarktführer wieder einnehmen, sobald sich die Weltwirtschaft erholt und die Ölnachfrage steigt. Umstrittene Hoffnungsträger Ein Gegengewicht zur Öl-Machtzentrale Saudi-Arabien könnte allenfalls Kanada bilden.

Dank seiner Ölsände hat das Land die zweitgrößten Reserven auf der Welt. Doch die ökonomischen und ökologischen Kosten der Ölgewinnung aus den Teersänden sind hoch und in der Rezession sind viele Projekte verschoben worden. Die IEA sieht Kanada seine Produktion bis 2030 von 2,5 auf 4,7 Mio. Barrel am Tag nahezu verdoppeln. Ein umstrittener längerfristiger Hoffnungsträger ist die Arktis. Eine Studie des staatlichen Forschungsinstituts US Geological Survey schätzt die Ölvorkommen im ewigen Eis auf 90 Mrd. Barrel. Wieviel davon zu welchen Kosten zu bergen sein wird, ist aber noch kaum erforscht.

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