Apple in der Mafia-Stadt: Camorra und Touristen

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Apple in der Mafia-Stadt
Neapel sehen – und sterben?

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Camorra und Touristen

Und auch die angstmachenden Reiseführer-Parolen sind überholt. „Wer mit wertvollem Goldschmuck oder einer teuren Armbanduhr durch die einschlägigen Viertel schlendert, ist selbst schuld – das gilt für Neapel ebenso wir für Frankfurt oder Los Angeles. Die Camorra aber hat es nicht auf Touristen abgesehen“, schreibt Maria Carmen Morese in ihrer „Gebrauchsanweisung für Neapel“, einer präzis beobachteten und ebenso kritisch wie liebevoll verfassten Beschreibung ihrer Stadt.

Der 37-jährige Roberto Saviano, in Neapel geboren, ist ein Nationalheld mit Tausenden von Fans und Followern. Was er twittert oder auf Facebook schreibt, ist für viele das Evangelium. Sein Schicksal ist tragisch: Seit zehn Jahren, als sein Bestseller „Gomorrha“ erschien und er Morddrohungen erhielt, lebt er unter Polizeischutz. Er verdient sich sein Geld mit TV-Auftritten und Büchern. Das neue Buch hat eine Auflage von 300.000 Exemplaren und ist auf Platz 1 der Bestsellerliste, die Menschen stehen Schlange vor den Lesungen. Er ist sympathisch und kann gut reden.

Und dennoch: Sein Sujet macht einen ratlos. Sein neues Buch „La paranza dei bambini“ ist ein Roman, doch wie ein Report geschrieben, er erfindet grausig zu lesende Details, die auf echten Kriminalfällen beruhen, die Stile verwischen sich, die Sprache ist holprig und nicht literarisch. Selbst der Titel ist nicht von ihm. „La paranza“ heißt die Methode der Fischer, die nachts hinausfahren und mit starken Scheinwerfern, die sie ins Wasser richten, die Fische anlocken. Das machen die Mafiosi mit den Kindern, den bambini, und genau so haben die neapolitanischen Staatsanwälte unter der Führung von Henry John Woodcock ihre Ermittlungsakte genannt, mit dem sie vor kurzem den Camorra-Clan Sibillo auffliegen ließen.

Vielleicht habe Saviano ein wenig den Kontakt zu Stadt verloren, sagte Bürgermeister Luigi de Magistris in einem Interview. Er müsse öfter nach Neapel kommen. „Im Buch scheint es, dass sich in Neapel nie etwas ändert, und das entspricht nicht der Realität“, meint der ehemalige Ermittlungsrichter und verweist darauf, dass in den vergangenen sechs Monaten die Zahl der Gewaltverbrechen gesunken sind, und das sei das Werk zivilen Engagements der Bürger.

Saviano zu kritisieren, ist ein Sakrileg in Italien. Aber dass der Bürgermeister nicht ganz falsch liegt, zeigt die Wahl von Apple für Neapel. Tim Cook lobte den Unternehmergeist der Stadt. Und die Redewendung „Neapel sehen und sterben“ hat nichts mit der Camorra zu tun, sondern dem Staunen über die Stadt am Golf.

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