Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Leben in Sibirien
Trostlose Idylle am Baikalsee

Verfallene Katen, sowjetische Bauten und ein Kloster: Das sibirische Fischerdorf Posolskoje hat wenig zu bieten – bis auf den Baikalsee vor der Haustür. Die Bewohner halten sich mit Fischfang und Phantasie über Wasser.
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MoskauDer Baikalsee in Sibirien ist schön, aber auch kalt. Bairs Lächeln dagegen ist warm wie die rote Abendsonne über dem Sajany-Gebirge am anderen Ufer. „Guten Abend, schauen Sie mal“, begrüßt der alte Mann das ihm entgegenkommende Pärchen auf Deutsch. Aus den wenigen Gesprächsfetzen, die er zuvor vernommen hat, zieht er offenbar seine Schlüsse. Bair hält ein Stück Holz in die Höhe. Für den nüchternen Betrachter ist es nur ein angeschwemmter Stock. Mit ein wenig Phantasie aber erinnert dieser an einen Tier- oder Vogelkopf.

An Phantasie mangelt es Bair nicht. Oft sei er hier am Strand unterwegs, um nach ungewöhnlichen Fundstücken Ausschau zu halten, erzählt er. „Mit leeren Händen komme ich selten nach Hause“, sagt er. Bair ist Burjate und gehört damit einer mongolischen Ethnie an. Er ist im Fischerdorf Posolskoje geboren.

Posolskoje hat seinen Namen von einer Mission russischer Botschafter (posol) im 17. Jahrhundert, die tödlich endete: Die Mitglieder wurden von den Einheimischen getötet. Ein wunderschönes Kloster in Ufernähe, das älteste im Transbaikal-Gebiet, erinnert an den Vorfall. Außer dem Kloster hat das Dorf wenig zu bieten: ein paar verfallene Bauernkaten und einzelne sowjetische Zweckbauten. Dafür glitzert der Baikalsee in den Strahlen der Abendsonne.

Früher gab es in der Nähe des Dorfs ein Fischkombinat, das den Menschen Arbeit und Einkommen sicherte. Inzwischen ist der Betrieb pleite, Überreste rosten am Strand – ein melancholisch-malerischer Anblick. Die Bewohner halten sich mit bäuerlicher Existenzwirtschaft und privatem Fischfang über Wasser – oder ziehen in die Stadt.

Auch Bair hat sich in seinem Leben in zahlreichen Berufen durchschlagen müssen, doch seine eigentliche Berufung ist die Kunst. Er malt, er formt, er schnitzt. Eine höhere Schul- oder gar eine spezielle Kunstausbildung hatte er nie. Menschen wie Bair nennen die Russen im Volksmund „Samorodok“ („Goldklumpen“), ein Naturtalent. Er rezitiert Texte des Dramatikers Alexander Gribojedow und des Dichters Wladimir Majakowski; er weiß erstaunlich viele deutsche Wörter und formt mit seinen Händen Kunst.

Vor einigen Jahren habe er in Ulan-Ude Eisskulpturen gemacht und sogar einen Preis gewonnen, berichtet Bair. An den letzten Winter hingegen erinnert der Alte weniger gern. „Ich hatte kein Geld für Brennholz, da war es ziemlich kalt in meiner Hütte“, sagt er. Tatsächlich sinken die Temperaturen im Winter in Posolskoje auf durchschnittlich minus 22 Grad.

In seinen Bildern hat der Winter keinen Platz. Sie sind grün und blau – und manchmal auch rot und schwarz. Bairs Bilder erzählen Geschichten und Fabeln, verwurzelt in russischer Folklore und Literatur und burjatisch-mongolischer Mythologie. Außerdem haben sie mit der geheimnisvollen Tiefe des Baikalsees zu tun.

So hat Bair einen Schamanen gemalt, der unter einem Baum sitzt und Geschichten erzählt. Der Betrachter fragt sich, ob es ein Selbstbildnis sein soll. Auf einem anderen Bild ist eine traditionelle Burjaten-Hochzeit zu sehen, bei der sich das ganze Dorf um die Frischvermählten versammelt. Sind das Erinnerungen an eine frühere, glücklichere Zeit Bairs? Außerdem hat er kämpfende Drachen und Himmelsgestirne gemalt. Zeigt das wohl den Kampf gegen die eigenen inneren Dämone?

Auf einem Bild ist ein Fischer zu sehen, der seinen Sohn bei einem Sturm beibringt, das Netz auszuwerfen. „Es ist vielleicht das letzte Mal, dass dieser Mann auf dem Meer ist“, sagt Bair. „Meer“ – so nennen sie den Baikalsee hier.

Bair hat keinen Sohn, den er etwas lehren könnte. Er hat auch keine Tochter mehr. Die ist seit langem aus dem Haus, zusammen mit der Ehefrau geflohen vor Kälte und Perspektivlosigkeit. War es vielleicht auch der Wodka, der sie vertrieb? Oder vertreibt Bair mit dem Wodka, den er mit den kargen Erlösen seiner Bilder ersteht, die Geister der Einsamkeit in seiner leeren Hütte?

Ein klappriges Bett, ein wackliger Stuhl, ein zerbröckelnder Ofen – das ist das ganze Inventar. Der Sommer ist kurz am Baikalsee, die Winternächte sind lang. Bair nimmt noch einen Schluck. Er mag nicht an den Winter denken. Der Baikalsee ist schön, aber kalt.

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