Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Russischer Extremtourist
„Eine Yacht ist nur wichtig, wenn man zu neuen Ufern vorstößt“

Den Pazifik im Paddelboot überqueren, den Nordpol bezwingen, den Everest besteigen: Der Extremreisende Fjodor Konjuchow hat das alles schon gemacht. Und für die Zukunft hat er noch größere Pläne. Eine Weltgeschichte.
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MoskauKurz hinter dem Moskauer Gartenring am Paweletzker Bahnhof, wo sich die Autos dicht an dicht drängen, versteckt hinter den geschäftigen Hochbauten aus Stahl und Glas für die großen Banken, Hotels und Luxus-Büros, gibt es eine Insel der Stille. Der Hinterhof-Bau – halb gemauert, halb gezimmert und umstellt von einem Sammelsurium aus Schiffsankern, Denkmälern, Büsten und Grabinschriften – ist eine Mischung aus Atelier und Kapelle.

Es ist gewissermaßen das Home Office von Fjodor Konjuchow. Dass der 65-Jährige allerdings eher selten zu Hause ist, zeigt schon der Wegweiser vor dem Gebäude an: Everest 4890 Kilometer, Nordpol 3.774 Kilometer, Kap Horn 15.561Kilometer und Südpol 16.206 Kilometer sind darauf angezeigt. Überall dort war Konjuchow schon. Zuletzt hat er in einem Heißluftballon von Australien aus in nur elf Tagen die Erde umrundet – Weltrekord, ebenso wie die 10.600 Meter Höhe, die er dabei erreichte.

„Der Rekord war mir nicht wichtig. Ich habe die Reise Steve Fosset gewidmet, den ich als Reisenden sehr verehre. Ich wollte einfach nur fliegen und das Gefühl erleben, in so einem Riesending durch die Wolken zu düsen“, sagt Konjuchow. Rekorde seien für die Sponsoren wichtig, ohne die solche Expeditionen nicht zu stemmen seien. Immerhin hat allein die Ausrüstung der Ballon-Weltumrundung über zwei Millionen Dollar gekostet.

Konjuchow selbst interessieren finanzielle Fragen wenig, und das nicht erst, seit er vor sechs Jahren zum orthodoxen Priester geweiht wurde. Eine Yacht sei nur wichtig, wenn man auf ihr zu neuen Ufern vorstoße, ein Rucksack, wenn man auf Tour sei. Im Hafen und im Schrank verstaubten sie nur, so der dreifache Familienvater.

Die Gefahr besteht bei seinem Rucksack nicht. Mit 15 hat er seine erste Expedition unternommen: Im Ruderboot überquerte der gebürtige Ukrainer das Asowsche Meer. Seither hat er wohl etwa 50 größere Entdeckungsreisen abgeschlossen, den Atlantik und Pazifik allein im Paddelboot überquert, die Antarktis mehrfach im Segelboot umrundet, die höchsten Berge bestiegen, die entferntesten Pole bezwungen – darunter den Nordpol der Unzugänglichkeit, also jene Stelle, die im Packeis des Nordpolarmeeres am weitesten vom nächsten Küstenpunkt entfernt ist. Seine Erlebnisse verarbeitete er in Artikeln, Büchern und Bildern und Skulpturen.

Konjuchow gehört sowohl dem Schriftstellerverband als auch der russischen Akademie der Künste an, obwohl er einst die eher praktischen Berufe Nautiker und Schiffsmechaniker erlernt hat. Seine Liebe gehört jedoch dem Reisen und Entdecken. „Es ist schrecklich, in eine andere Welt überzugehen und die Schönheiten unserer Welt nicht gesehen zu haben“, begründet er seine Motivation, auch im höheren Alter noch die stetigen Strapazen auf sich zu nehmen. Drei große Expeditionen will er auf jeden Fall noch unternehmen: einen Flug in die Stratosphäre, einen Tauchgang zur tiefsten Stelle des Meeres und eine dreifache Weltumsegelung ohne Zwischenstopp.

Von der Lebensphilosophie vieler Mitmenschen hält er nicht viel. „Ich bin enttäuscht vom 21. Jahrhundert, alles dreht sich nur um Luxus. Abenteuerlust und Wissbegier sind auf der Strecke geblieben“, sagt Konjuchow. Alle wichtigen Entdeckungen und Eroberungen, wie der erste Weltraumflug, die Mondlandung oder die Erforschung des Mariannengrabens, seien vor 50 Jahren schon gemacht worden. Seitdem habe sich wenig getan, so Konjuchow.

Seine Hoffnung ruht auf der neuen Generation und ihrer Abenteuerlust. So hat er vor allem einen Wunsch: „Wir müssen unsere Kinder wieder mehr zum Träumen ermuntern.“ Sie sollen sich von Jules Verne und Jack London inspirieren lassen, sagt Konjuchow – und entlässt seinen Besucher mit einem Segen.

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