Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Russlands Kultur des Schenkens

Ohne ein kleines Geschenk kommt man in Russland nicht weit – auch nicht im öffentlichen Leben. Doch die Gefälligkeiten werden immer größer und wachsen sich zu echter Korruption aus.
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MoskauDie Gastfreundlichkeit der Russen ist berühmt. Doch auch für Gäste gilt in Russland das ungeschriebene Gesetz, nie mit leeren Händen zu Besuch zu kommen. Blumen, Pralinen oder eine Flasche Wein gehören zum guten Ton bei einem noch so formlosen Treffen.

In den letzten Jahren hat sich diese zunächst private angenehme Kultur des Schenkens auch auf das öffentliche Leben übertragen: „Wenn ich zum Arzt gehe, dann bringe ich auch mal eine Tafel Schokolade mit“, räumt Rentnerin Ludmila ein. Ludmila ist 73 Jahre alt und als Diabetikerin häufig beim Arzt. Mal macht der hohe Blutdruck Sorgen, mal Übelkeit und andere Wehwehchen; ja auch die Zähne sind ein häufig schmerzendes Ärgernis.

Die kleinen Mitbringsel empfindet sie als gewinnbringende Investition: „So ist mir der Arzt gewogen und gleich viel aufmerksamer zu mir“, meint sie. Als warnendes Beispiel nennt sie die Gleichgültigkeit eines Zahnarztes, dem sie nichts gegeben hatte, und der ihr dann den gesunden statt des kranken Zahns zog.

Ludmilas Nachbarin Sifa ist fünf Jahre jünger als sie. Die beiden Freundinnen streiten oft über Politik und Korruption, aber bei ihrer Taktik im Wartezimmer stimmen sie prinzipiell überein. Auch Sifa kann sich die bei den wohlhabenderen Russen beliebten Privatkliniken nicht leisten und bezuschusst daher das in Russland gesetzlich kostenlose Gesundheitssystem mit ein paar Kleinigkeiten. „Ich bin kommunikabel und komme mit den Ärzten und Krankenschwestern leicht ins Gespräch. Ich lobe die Frisur, die schöne Bluse oder die schönen Augen, um mir die Menschen gewogen zu machen“, erzählt sie.

Und wenn ihr die Behandlung gefallen habe, dann kaufe sie hinterher schon mal einer Ärztin „einen Pfirsich oder ein halbes Kilo Weintrauben“. Sie werde davon nicht arm, und das Personal freue sich, sagt sie. Geld gebe sie aber nicht, betont sie, doch natürlich gebe es auch Menschen, die Ärzten für eine nötige Überweisung oder ein Rezept etwas zusteckten, weiß sie.

Nicht nur beim Arztbesuch hat sich eine Tradition des Schenkens in Russland etabliert; auch beim Schul- oder Kindergartenbesuch sind kleine Gaben wichtig. Jelena, die Tochter von Rentnerin Ludmila, ist mit dieser Tradition allerdings überhaupt nicht einverstanden. Sie hat jüngst gegen eine Sammlung im Elternkomitee rebelliert. Zunächst einmal 3000 Rubel – umgerechnet knapp 50 Euro – wollte das Komitee von jedem haben, um Geschenke für die Lehrer zu beschaffen. „Zum Lehrertag, zu Neujahr, zum Frauentag, zu jedem Geburtstag und auch noch zur Abschlussfeier. Das ist nicht richtig: Wir schaffen damit selbst die Grundlagen für die Korruption“, echauffiert sich die Moskauerin. „Auch geben wir unseren Kindern damit ein falsches Beispiel.“

Bei den anderen Eltern stieß sie allerdings auf wenig Verständnis. „Das gehört eben einfach dazu und wird von den Lehrern auch erwartet“, meint Natascha, die eigentlich mit Jelena befreundet ist und deren Sohn in die gleiche Klasse wie Jelenas Kind geht. Ohne Geschenke laufe das Kind Gefahr schlechtere Noten zu bekommen, warnt eine andere Mutter.

Geschenke sollten freiwillig sein und von den Schülern kommen, meint hingegen Lehrerin Inna, die an einer anderen Moskauer Schule unterrichtet. „Unser Direktor wird furchtbar wütend, wenn die Eltern versuchen irgendetwas zu schenken. Er hat ihnen das abgewöhnt, indem er einfach an seine Tür den entsprechenden Artikel aus dem Strafgesetzbuch zum Thema Geschenkemitbringsel aufgehängt hat“, erzählt sie.

Die Tradition der kleinen Zuwendungen stammt aus der nicht allzu weit zurückliegenden Zeit, als Lehrer und Ärzte in Russland allgemein miserabel bezahlt wurden. Inzwischen wurden die Gehälter zumindest in Moskau jedoch deutlich angehoben. „Die Stadt versorgt uns gut“, bestätigt Lehrerin Inna. Diese Grundversorgung für die Angestellten des öffentlichen Dienstes – auch landesweit – ist sicher der wichtigste Schritt, um die Tradition des Schenkens zu durchbrechen.

Dass dieses Schaffen von kleinen Vergünstigungen und Abhängigkeiten fatale Folgen für das gesamte politische Klima in Russland hat, zeigt sich in anderen Berufen. Denn was in der Schule klein anfängt, wächst sich später zu echter Korruption aus: Je größer der Nutzen oder Schaden, den ein Beamter zufügen kann, desto obligatorischer scheint es, ihn sich gewogen zu halten: Fahrlehrer bekommen Geld, um ihre Schüler nicht durch die Prüfung fallen zu lassen. An der Grenze halten die Zöllner die Hand auf, um Waren passieren zu lassen. Und  Verkehrssünder schmieren die Polizei, um keinen Strafzettel zu bekommen. Doch die zunehmenden automatischen Überwachungskameras geben immerhin Anlass zur Hoffnung, dass sich diese Alltagskorruption eindämmen lässt.

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