Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Viele Russen sehen die Oktoberrevolution ambivalent

Vor 100 Jahren begann in Russland die Oktoberrevolution. Der Bevölkerung sind die vielen Neuerungen durch die kommunistischen Bolschewiki in Erinnerung geblieben – aber auch der hohe Blutzoll.
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Moskau„Ich bin stolz darauf, dass wir dieses gesellschaftliche Experiment gewagt haben“, sagt Marina. Das „gesellschaftliche Experiment“ ist die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“, die 1917 die Welt erschütterte und das Russische Reich – für die nächsten 70 Jahre die Sowjetunion – fundamental veränderte. Marina ist Mitte 50 und weder eine verbitterte und verarmte Rentnerin, noch eine überzeugte Kommunistin. Die Mitarbeiterin des Puschkin-Instituts kennt die Geschichte ihres Landes gut, weiß um die Millionen Opfer des unmittelbar der Revolution folgenden Bürgerkriegs und die Gräuel der Zwangskollektivierung und des Großen Terrors.

„Meine Großeltern wären der Kulakenverfolgung (Kulak ist ein russischer Großbauer, Anm. der Redaktion) selbst fast zum Opfer gefallen, hätten nicht Verwandte im Dorf sie kurz vor der Abholung durch den Geheimdienst gewarnt“, erzählt sie. Durch die rosa Brille wolle sie die Zeit nicht betrachten. Russland wären ohne die Revolution sicher viele Opfer erspart geblieben, vermutet sie. Und doch will sie den bolschewistischen Umsturz, der den meisten Russen vor allem durch die monumentalen Bilder des Stummfilmregisseurs Sergej Eisenstein im kollektiven Gedächtnis haftet, nicht verurteilen. Sie sieht die Sowjetunion als – wenn auch letztlich gescheiterten – Versuch, eine gerechtere Ordnung aufzubauen.

Marina ist durchaus kein Einzelfall: Nur knapp ein Fünftel der Russen sieht die Oktoberrevolution absolut kritisch. Nostalgie ist dabei nur einer von mehreren Gründen dafür. Natürlich spielen Erinnerungen an die eigene Jugend bei vielen Menschen eine Rolle in ihrer Bewertung der Sowjetzeit. Doch daneben sind es auch höchst rationale Überlegungen: Das zaristische Russland war keineswegs ein Paradies. Während eine verschwindend kleine Menge im Luxus schwelgte, lebten über 80 Prozent der Bevölkerung in bitterer Armut und Unwissenheit. Das agrarisch geprägte Russland war zutiefst rückständig, der Erste Weltkrieg hatte die Not der Menschen noch erhöht. Ein Krieg, dessen Sinn die meisten Soldaten nicht verstanden.

Zwar hatte der Zar, dessen Popularität heute übrigens wieder steigt, bereits nach der Februarrevolution abgedankt, doch die Lage der Russen hatte sich kaum gebessert. Die wirklichen Veränderungen kamen erst mit den Bolschewiki. Dem hohen Blutzoll zum Trotz sind den Menschen vor allem die Errungenschaften der Sowjetunion in Erinnerung geblieben: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ ist ein berühmtes Zitat Lenins. Für viele Russen waren elektrisches Licht und Mechanisierung der Produktion tatsächlich leuchtende Wunder, die die Neuzeit einläuteten.

Und auch die Bildung wurde demokratisiert: „Wir bereiten gerade eine Ausstellung über die Veränderung der russischen Sprache im Zuge der Revolution vor“, berichtet Marina. Die Sprache wurde nicht nur um eher zweifelhafte Wortschöpfungen wie „Schkrab“ (Schkolny rabotnik = Schularbeiter), „Rosglawstankoinstrumentsnabsbyt“ (die Abkürzung für Hauptverwaltung für den Vertrieb von Instrumenten, Werkzeug- und Schleifmaschinen) oder die berüchtigte Tscheka (Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage) „bereichert“, sondern auch radikal vereinfacht. „Diese Rechtschreibreform diente dazu, dem gemeinen Volk den Zugang zur Literatur zu erleichtern“, sagt Marina.

Und auch wenn viele Intellektuelle der Zeit, speziell die Emigranten, strikt gegen diese Reform waren, vereinfachten sie vielen Russen doch das Lernen. Zudem stand die Bildung nicht mehr allein Auserwählten offen. „Wäre ich nicht in der Sowjetunion aufgewachsen, hätte ich wohl kaum auf die Universität gehen können“, sagt Marina. Ihren sozialen Aufstieg haben viele Menschen in Russland dem radikalen Bruch mit der feudalen Ordnung zu verdanken.

Das Ende der Sowjetunion hingegen ist für viele Russen nicht nur gleichbedeutend mit dem Verlust ihres Weltbilds, sondern auch mit sozialem Absturz. In den 1990er-Jahren schaffte es wieder nur eine kleine Minderheit zu ungeheurem Reichtum, während viele Russen verarmten. Die Gerechtigkeit sei früher größer gewesen, meinen viele. Wohl darum sind zwei Drittel der Russen 100 Jahre nach der Oktoberrevolution eher unentschlossen, wie sie das Ereignis bewerten sollen – auch wenn sie sicher nicht wieder unter Stalin leben wollen.

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