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Weltgeschichte Brasilien

Die „Abschlüsse“ sind oftmals nicht mal das Papier wert auf dem sie stehen.

Bildungssystem in Brasilien Unfassbar ungerecht

Ihre Diplome feiern die sozialen Aufsteiger in Brasilien mit rauschenden Festen – dabei hat das Land eines der ungerechtesten Bildungssysteme weltweit.
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SalvadorDie Plastiktische biegen sich unter dem aufgehäuften Salzgebäck. In Blechtruhen lagern Batterien von Bierdosen und Guaraná-Flaschen auf Eis. Jede Familie hat ein halbes Dutzend Tische mit Blumengedecken geschmückt. Dort warten Omas und Großtanten in ihren nach Mottenkugeln riechenden Tüllkleidern.

Sie halten die Enkel auf dem Schoß fest und wischen sich den Schweiß mit kleinen Handtüchern ab. Wir sind in Serrinha, einer Kleinstadt von 50.000 Einwohnern inmitten der Trockensavanne des Sertãos in Brasiliens Nordosten. Trotz einbrechender Dunkelheit sind es immer noch 35 Grad. Doch keine Dose wird geöffnet, kein Hühnchenschlegel gereicht. Das muss warten, bis die mehrstündige Graduiertenzeremonie des Geografie- und Biologiejahrgangs vollbracht ist.

Der Bürgermeister, die Besitzerin der privaten Universität und ein Stadtabgeordneter halten Reden. Danach sind die zwei Dutzend Graduierten-Studenten dran. Eingekleidet mit Doktorhüten und dem dazugehörenden Outfit. Ihre Reden sind emotional, einige machen Sambaschritte, andere danken Gott. Die Angehörigen im Publikum klatschen wie Fanclubs. Nach jeder Diplomüberreichung kommen Eltern, Ehepartner oder Kinder der Graduierten in ihren geliehenen Anzügen auf die Bühne für das offizielle Foto und schauen ernst. Erst kurz vor Mitternacht beginnt die Feier. Die Graduierten wechseln dann in Ballkleider – getanzt wird die ganze Nacht.

Für die 44-jährige Maria Angela Silva Lima de Jesus ist es neben Hochzeit und der Geburt ihrer zwei Söhne das bisher wichtigste Ereignis in ihrem Leben: Die Sanitätsbeauftrage und ehemalige Grundschullehrerin im Umland der Kleinstadt hat dreieinhalb Jahre den Geografie-Kurs besucht. Rund 200 Reais, als etwa 50 Euro hat sie monatlich bezahlt, rund ein Viertel ihres Lohnes. Mit dem Diplom kann sie nun auch an einer höheren Schule Unterricht geben. Für Angela ist es ein kometenhafter Aufstieg: Auf dem Land, wo sie aufgewachsen ist und arbeitet, kann kaum jemand lesen und schreiben. Entsprechend selbstbewusst ist sie. Deswegen hat sie es auch krachen lassen auf ihrer Diplomfeier. Der Videoclip, das Hochglanzbooklet für ausgewählte Gäste mit den Fotos der Graduierten und Sinnsprüchen, sowie das zweitätige Grillfest danach haben sie ein halbes Jahresgehalt gekostet.

Nüchtern betrachtet gib es eigentlich nicht viel zu feiern: Auf der Liste der Rankings von Geografie-Kursen stand ihre Hochschule auf dem vorletzten Platz in ganz Brasilien. Es gibt keinen einzigen Doktor, der dort lehrt. Die Geografie-Fakultät leitet eine Dame, die über einen Magister-Abschluss verfügen soll. Angelas Geografie-Jahrgang ist wegen der schlechten Rankings auch der letzte: Die Hochschule stellt ihre Lehrtätigkeit ein, weil sie pleite ist. Denn sie kann nur überleben durch staatliche Stipendien. Und damit ist es vorbei, wenn die Privatuni bei Prüfungen der Studenten nicht mindestens den Durchschnitt aller beteiligten Hochschulen erreicht.

Angelas Hochschule spiegelt Brasiliens Bildungsdilemma: Denn einerseits hat sich in nur einer Dekade die Zahl der Studenten verdoppelt auf heute rund sieben Millionen. Die meisten davon sind Menschen, deren Eltern nicht einmal davon träumten, dass ihre Kinder Akademiker werden könnten. Dass es doch dazu kam, liegt vor allem an den privaten Universitäten, an denen inzwischen 80 Prozent der Studenten eingeschrieben sind. Das sind die guten Nachrichten.

Die schlechten: Die Qualität der brasilianischen Uniausbildung ist eine Katastrophe. Bei den landesweiten Qualitätstests der Studienabgänger fallen regelmäßig rund ein Drittel der 7200 Disziplinen durch. Und die privaten Hochschulen schneiden besonders schlecht ab. Die „Abschlüsse“ sind oftmals nicht mal das Papier wert auf dem sie stehen.

Für die Studierenden ist das meist zweitrangig. Denn es ist ein bisschen wie mit dem Einäugigen im Reich der Blinden: Nur elf Prozent der Brasilianer haben einen akademischen Abschluss. Und nur ein Fünftel der 18-24-jährigen besucht eine Uni. Wer ein Diplom vorweisen kann, verdient im Schnitt gleich zweieinhalb Mal so viel wie jemand, der nur Hochschulreife hat.

Die Schwäche des brasilianischen Hochschulsystem ist Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung und einer kaum fassbaren Ungerechtigkeit: Denn bis vor noch einer Dekade war die akademische Karriere für die Kinder der Mittel- und Oberschicht reserviert. Die Kinder der Wohlhabenden gingen – und gehen - auf teure Privatschulen und werden dort für die Aufnahmeprüfungen für die staatlichen Unis vorbereitet. Gelingt ihnen der Sprung an eine der rund ein Dutzend staatlichen Spitzenunis, dann haben sie es geschafft: Sie bekommen eine solide akademische Ausbildung. Und das, ohne Studiengebühren zu bezahlen. In einem Land mit den höchsten Einkommensgegensätzen weltweit, finanziert die gesamte Gesellschaft ihren Oberschichtsprösslingen das kostenlose Studium, während die Armen an zweifelhaften Fakultäten ihr Studium teuer selbst bezahlen müssen.

Denn die arme Mehrheit der Schüler geht auf schlechte staatliche Schulen, vermutlich die miesesten der westlichen Welt: Bei den PISA-Umfrage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bilden die brasilianischen 15-jährigen regelmäßig mit einigen anderen Ländern das Schlusslicht bei Mathematik, Lesen und Schreiben. Deswegen schaffen nur wenigen der ärmeren Brasilianer den Zugang zu den staatlichen Elite-Unis. Es sei denn, sie können über die neu eingeführten sozialen Quoten für Afro-Brasilianer oder Indigene für sie reservierte Plätze einnehmen.

Angelas will ihre akademische Karriere fortsetzen: Sie will jetzt entweder Psychologie oder „Umwelt“ studieren. Daneben wird sie sich auf eine staatliche Lehrerstelle bewerben. Auf dem Land, wo sie mit ihrer Familie lebt, ist sie jetzt bereits legendär – und Vorbild für eine ganze Generation von Mädchen. Alleine in ihrer Familie, wo die meisten bis vor kurzem nicht lesen und schreiben konnten, haben nun fast alle Nichten die Hochschulreife geschafft und wollen jetzt studieren – natürlich auf privaten Unis.

Damit ist auch die Zukunft einer ganz anderen Branche gesichert: Die Veranstalter von Diplomfeiern. Vor allem im armen Nordosten lebt inzwischen eine ganze Branche davon, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Denn anders als die traditionelle Mittel- und Oberschicht, feiern die ärmeren Familien ein Diplom mit einem rauschenden Fest. Vermutlich, weil es in Brasiliens Klassengesellschaft so viel bedeutet: Es ist ein wichtiger Sieg beim sozialen Aufstieg.

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1 Kommentar zu "Bildungssystem in Brasilien: Unfassbar ungerecht"

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  • Noch zu Beginn dieses Jahrzehnts galten die BRIC Staaten in der Folge der Finanzkrise als die grössten Hoffnungsträger für einen Aufschwung. Über das 'B' in BRIC habe ich schon damals gestaunt; denn solange keine strukturellen Aenderungen an Missständen wie dem hier beschriebenen gemacht werden, ist Brasilien und ganz Südamerika als Wirtschaftstreiber eine Illusion. Die dortige Blase platzte dann auch 2013 ganz gewaltig, heute befindet sich das Land immer noch im wirtschaftlichen Tief.

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