Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Pensionsausgaben
Brasiliens teure Töchter

Ohne Rentenreform hat Brasilien schlechte Aussichten, das Haushaltsdefizit zu senken. Doch Präsident Michel Temer scheut diesen Schritt. Er müsste ausgerechnet Politikern und Staatsbediensteten Privilegien streichen.
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SalvadorIn Brasilien gibt es 185.000 ledige Frauen, die nicht verheiratet sind, vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie Töchter von Militärs sind. Das hat nichts damit zu tun, dass ein soldatischer Vater ein besonderer Makel wäre auf dem Heiratsmarkt. Ganz im Gegenteil: Töchter von Militärs sind sogar besonders beliebt als Partnerinnen. Das liegt an ihren lebenslangen Pensionen, die sie bekommen – mit der einzigen Bedingung: Sie müssen dafür ledig bleiben. Dieses Privileg hatten sich die Militärs gesichert. Es wurde erst für Rekruten abgeschafft, die ab dem Jahr 2000 ihre militärische Karriere begonnen. Wer seinen Dienst vorher angetreten haben, kann diese üppigen Sozialleistungen weiter bekommen. So wachsen die Zahlungen an ledige Töchter munter weiter.

Inzwischen gehen ein Drittel der Pensionsausgaben für brasilianische Militärs an das Heer der unverheirateten Töchter. Das hat die skurrile Folge, dass die meisten von ihnen heiraten – auch durchaus in weiß und in der Kirche. Aber sie lassen die Ehe nicht auf dem Standesamt registrieren, um nicht ihre Pension zu verlieren. Gemessen an der durchschnittlichen brasilianischen Lebenserwartung werden die teuren Soldatentöchter das Rentensystem noch bis zum Jahre 2080 belasten.

Der gerade nach dem Impeachment angetretene brasilianische Präsident Michel Temer steht nun vor der undankbaren Aufgabe, weitere solche Privilegien von Staatsbediensteten und Politikern bei der umfassenden Rentenreform zu streichen. Ohne Rentenreform hat Brasilien schlechte Aussichten, das Defizit im Staatshaushalt zu senken. Doch dafür müsste der längst selbst mit üppigen Bezügen als Berufspolitiker pensionierte Temer seiner eigenen Klasse Privilegien streichen.

Denn Beamten sind in Brasilien obszön privilegiert: So erhalten Arbeitnehmer aus der Privatwirtschaft im Ruhestand im Durchschnitt umgerechnet magere 125 Euro Rente im Monat – das ist halb so viel wie der Mindestlohn. Beamte und Militärs im Ruhestand kommen durchschnittlich auf 600 Euro. Die Bezüge der Rentner aus der Privatwirtschaft sind bei maximal 1300 Euro gedeckelt. Staatsdiener im Ruhestand können bis zu 10.000 Euro beziehen. Dieses Zwei-Klassen-Rentensystem führt dazu, dass heute drei Millionen Pensionäre aus dem Staatsapparat 40 Prozent der gesamten Altersrente kassieren. Die 24 Millionen privaten Rentenbezieher dagegen teilen sich 60 Prozent der Rentenbezüge.

Diese institutionalisierte Ungerechtigkeit wurzelt in der Verfassung von 1988. Politiker wollten sich nach dem Ende der Diktatur sozial besonders großzügig zeigen – vor allem sich selbst und ihren Familien gegenüber. Das hat Tradition in Brasilien: „Seit die Eroberer in Brasilien an Land gingen, hat der Staat nur eine Funktion“, urteilt der Brite Kenneth Maxwell, der führende Brasilien-Experte in Harvard. „Er dient dazu, Mechanismen zu entwickeln, damit sich diejenigen, die an der Macht sind, persönlich bereichern können.“

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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