Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Quotenregeln in Brasilien
Du bist nicht schwarz!

Seit 2001 gibt es in Brasilien Quoten für Afro-Brasilianer an Universitäten, heute auch im öffentlichen Dienst. Doch wer ist schwarz? Indianische, afrikanische und europäische Wurzeln erschweren die objektive Einteilung.

SalvadorDer 27-jährige Politologe Lucas Nogueira Siqueira hat die schwierige Aufnahmeprüfung zum begehrten Diplomaten-Kurs am Instituto Branco bestanden. Nur 26 künftige Diplomaten hat das Außenministerium dieses Jahr zum Kurs zugelassen – von über 5000 Bewerbern. Doch als Siqueira sich einschreiben wollte, klagten Anwälte dagegen vor Gericht: Siqueira habe sich als Afro-Brasilianer beworben. Er weise jedoch die Charakteristika eines Weißen auf statt die eines Afro-Brasilianers.

Siqueira dagegen hat sieben Gutachten von Dermatologen, nach denen er ein „hellhäutiger Farbiger mediterranen Typs“ sei, nach der Fitzpatrick-Skala Stärke 4 – seine Haut also wie bei einem Farbigen auf Sonnenbestrahlung reagiere. „Ich habe mich nie als Weißer wahrgenommen“, erklärt Siqueira. Auf Fotos ist er augenscheinlich jedoch nur schwer als Afro-Brasilianer zu identifizieren.

Das Problem ist komplex: Denn wer ist in Brasilien schwarz? 2001 führte Brasilien erstmals Quoten für Afro-Brasilianer für Studiengänge an den Universitäten ein. Brasilien ist nach Nigeria das Land mit der größten schwarzen Bevölkerung weltweit. Inzwischen gelten Quoten für Afro-Brasilianer auch für Personalbesetzungen im öffentlichen Dienst. Vorbild sind die affirmative actions in den USA.

Doch anders als in den USA, wo subjektive und objektive Rasseneinteilungen übereinstimmen, schätzen sich die Brasilianer bei den Volksbefragungen selbst ein. Danach hat knapp die Hälfte von ihnen afrikanischen Vorfahren. Eine objektive Qualifizierung ist im Land mit den indianischen, afrikanischen und europäischen Wurzeln seiner Bewohner unmöglich.

Per Erlass haben die Behörden jetzt gemischte Kommissionen eingerichtet, die prüfen sollen, ob Bewerber auf Beamtenkarrieren Anrecht auf die Quote haben. Damit sollen Trittbrettfahrer verhindert werden, die sich über die Quote Privilegien verschaffen wollen.

Neben Siqueira lehnte eine solche Kommission im Außenministerium jetzt noch drei weitere Bewerber für den Diplomatenlehrgang ab. „Die Entscheidungen der Kommissionen sind wissenschaftlich jedoch kaum haltbar“, kritisiert jedoch Sergio Pena, Professor für Genealogie an der staatlichen Uni in Minas Gerais.

Anders als in den USA können die Brasilianer auch nicht ihre Herkunft nach Afrika verfolgen: Der brasilianische Finanzminister ließ nach der Unabhängigkeit 1822 die Sklavenregister verbrennen. Damit wollte er jeden Beweis vernichten, mit dem die Kolonialmacht Portugal mögliche Entschädigungsforderungen für den geleisteten Sklavenhandel an die ehemalige Kolonie hätte stellen können.

Auch DNA-Tests führen nicht weiter: Kürzlich haben führende Vertreter der brasilianischen Schwarzenbewegung ihre Gene untersuchen lassen, um feststellen zu können, woher sie aus Afrika kommen. Herausgekommen ist, dass auch unter den prominenten Afro-Brasilianern einige genetisch eher als Europäer eingestuft würden, als aus Afrika stammend.

Auch der Verweis auf rein europäische Vorfahren, kann einen Brasilianer nicht sicher sein lassen, keine afrikanische Gene im Erbgut zu besitzen. Schließlich hatte die Kolonialmacht Portugal bereits mit den Mauren zuvor eine „afrikanische“ Invasion erlebt, also durchaus schon afrikanische Gene mit nach Brasilien gebracht.

Deswegen fordern die meisten politischen Afro-Brasilianer auch als alleingültiges Kriterium für die Quoten die Selbstbezeichnung. „Wer Afro-Brasilianer ist, hat das in seinem Leben durch den täglichen Rassismus genau zu spüren bekommen“, sagt João Jorge, Präsident der Karnevalsgruppe Olodum, einer der wichtigsten Schwarzenführer Brasiliens. Gegen vermeintliche Trittbrettfahrer bei den Quoten wird es also so bald kein Argument geben.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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