Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Türkei hat ein Müllproblem „Schmeiß ihn einfach in den Bosporus“

Unser Korrespondent in Zürich hat neulich darüber geschrieben, wie penibel in der Schweiz Müll getrennt wird. Davon kann der Kollege in Istanbul nur träumen. Abfall ist in der Türkei nur eins: eine Last. Eine Replik.
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So malerisch die Stadt auch aussieht - Istanbul hat definitiv ein Müllproblem. Was die Bewohner nicht brauchen können, schmeißen sie auf die Straße oder gleich in den Bosporus. Quelle: AP
Istanbul

So malerisch die Stadt auch aussieht - Istanbul hat definitiv ein Müllproblem. Was die Bewohner nicht brauchen können, schmeißen sie auf die Straße oder gleich in den Bosporus.

(Foto: AP)

IstanbulLieber Michael, dein Artikel über Müll in der Schweiz hat mich traurig gemacht. Nicht, weil ihr in der Schweiz den Papiermüll auf DIN-A4-Format falten müsst, damit die Müllabfuhr ihn überhaupt mitnimmt. Sondern weil ich in meiner Wahlheimat Istanbul davon nur träumen kann. Die Megametropole am Bosporus hat ein Abfallproblem. Allerdings nur für mich, denn die meisten Türkinnen und Türken stört der Müll überhaupt nicht. Sie schmeißen ihn einfach dorthin, wo er sie nicht mehr stört.

Auch hier geht es mit den Müllsäcken los. In Zürich muss man spezielle „Züri-Säcke“ für rund 17 Euro pro Zehnerpaket kaufen?! Da lach‘ ich drüber. Die einzigen Mülltüten, die überhaupt mehr als drei Teile Müll aufnehmen können, ohne zu zerreißen, sind die gelben Einkaufstüten vom Billig-Discounter „Sok“ (gesprochen „Schock“). Aber auch ohne Schock-Tüten würde ich über die Runden kommen. Wer seinen Abfall loswerden will, legt ihn einfach vors Haus – in Tüten, Pappkartons oder einfach so auf den Bürgersteig. Die Müllabfuhr wird schon irgendwann kommen und ihn mitnehmen.

Ich bin in Köln aufgewachsen und habe in der Grundschule gelernt, wie man Müll trennt. Vor allem aber bekam ich beigebracht, einigermaßen ressourcenschonend mit der Umwelt umzugehen. Das Pausenbrot kam in die wiederverwendbare Tupperbox, Glasflaschen in den Glasmüll. Wenn doch mal Müll übrigbleibt, behält man ihn so lange in der Hand, bis man an einer Mülltonne vorbeikommt.

Und in Istanbul? Auf der autofreien Einkaufsmeile Istiklal laufe ich regelmäßig um kleine Müllberge herum. Mülltonnen gibt es dort keine. Das hat zwar auch einen relevanten Hintergrund: Abfalleimer sind perfekte Orte für Bomben. Auf der Istiklal laufen jeden Tag Hunderttausende Leute entlang, sie wären ein für Terroristen ideales Terrorziel. Also schmeißen die Leute alles, was sie nicht gebrauchen können, auf den Boden. Die Müllabfuhr wird ihn schon irgendwann aufsammeln.

Ich würde mich weniger beschweren, wenn der Müll recycelbar wäre. Aber denkste! Plastik, Plastik, Plastik. Einkaufstüten (natürlich umsonst!) sind aus Plastik. Die 20 Cent teuren Halbliter-Wasserflaschen sind aus Plastik. Wenn ich beim Straßenverkäufer meines Vertrauens einen Sesamkringel (Simit) kaufen möchte, feuchtet dieser bereits seine Finger an, um eine seiner Plastiktüte zu öffnen. Kleiner Servicehinweis für alle Leidensgenossen: „Poschet istemiyorum.“ – Ich möchte keine Tüte.

In Zürich bekommt jeder Haushalt zum Jahresbeginn einen Kalender mit den exakten Terminen, wann Papier-, Papp-, Restmüll und all die anderen Abfallprodukte einzeln abgeholt werden. Wer sich nicht daran hält, zahlt eine saftige Strafe. Hier braucht es keinen Kalender. Der Abfallzyklus in Istanbul geht so: 1) Du schmeißt alles, was stinkt und nicht mehr verwertet werden kann, in die Haustonne oder gleich auf die Straße. 2) Die rund 1,5 Millionen Straßenhunde und -katzen reißen die Tüten auf und essen alles auf, was sie ihrer Meinung nach verdauen können. 3) Illegale Müllverwerter durchstreifen die Nachbarschaft auf der Suche nach Metallen und anderen verwertbaren Gegenständen im Abfall. 4) Fast jede Nacht kommt die Müllabfuhr.

Und in der Tat: Am nächsten Morgen sind die Tüten weg. Das System scheint zu funktionieren. Zumindest bis zum Mittag, dann geht alles von vorne los.

Die Wegwerfmentalität ist nicht neu. Im Osmanischen Reich galten Straßen und öffentliche Plätze als Eigentum des Sultans. In der Folge war er für die Reinigung dieser Orte verantwortlich, während die Bürger ihre Häuser sauber zu halten hatten. Jetzt ist die Stadtverwaltung dafür verantwortlich – und damit im demokratischen Sinne ja auch die Bürger selbst. Aber was den Müll angeht, stecken viele Türkinnen und Türken offenbar noch im 18. Jahrhundert fest. Seit 2008 gibt es überhaupt erst städtische Mülltonnen in Istanbul. Doch dann beschwerten sich Anwohner, dass es in der Nähe dieser Tonnen stinken würde, und so wurden diese in den meisten Ortsteilen wieder abgeschafft.

Ich wollte herausfinden, wie viel Müll die Türken eigentlich jedes Jahr wegwerfen, und war erstaunt. Laut Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sind es rund 400 Kilo pro Person und Jahr. Im OECD-Schnitt sind es 519 Kilogramm. Deutschland zum Beispiel kommt auf einen Wert von 616 Kilogramm. Allerdings wird dabei nicht berücksichtigt, welcher Anteil davon recycelt wird.

Seit 1953 ist es in Istanbul verboten, Müll in den Bosporus zu werfen. Wer jetzt glaubt, die Meerenge sei ein Badeparadies wie der Zürichsee, wird enttäuscht. Denn das Verbot gilt offiziell nur für die angrenzenden Orte und ihre städtischen Verwaltungseinheiten. Im Jahr 2005 hat eine Gruppe Aktivisten damit begonnen, Videos vom Grund des Bosporus aufzunehmen. Darauf ist nicht nur eine an sich schöne Flora zu sehen, mit roten Unterwasserpflanzen, Muscheln und korallenähnlichen Gesteinsformationen. Sondern vor allem Plastiktüten, Kanister, PET-Wasserflaschen und der klassische Autoreifen.

Der Istanbuler Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat in einem seiner Romane einmal beschrieben, was eigentlich passieren würde, wenn man das Wasser aus dem Bosporus ablaufen ließe. Er lag mit seiner Beschreibung gar nicht so falsch. (Pamuk vermutete sogar, man würde dort ganze Autos finden. Das finde ich nicht übertrieben.)

Die Schweiz verweigert Zugezogenen offenbar die Einbürgerung, wenn man nicht weiß, wie man Altöl korrekt zu entsorgen hat. In meinem Wohnviertel Galata werde ich regelmäßig schief angeschaut, wenn ich mein Altglas in dem gefühlt einzigen Glascontainer in der ganzen Stadt entsorgen will.

Bei meiner Mülldepression hilft nur eines: raus aus der Stadt. Im Sommer war ich mit Freunden auf der türkischen Ägäis-Insel Bozcaada. Ein traumhafter und traumhaft sauberer Flecken Erde. Eine Bekannte pflichtete mir bei, beschwerte sich allerdings über die ständig steife Brise, die über die weißgetünchten Häuser weht. „Etwas Gutes hat der Wind aber“, erklärte sie freudig, „er weht die ganzen Plastiktüten aufs Meer hinaus.“

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