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Liberia

„King George“ – Präsident und Fußballstar

Reichtum, Ruhm, Weltfußballer: George Weah hat in seinem Leben viel erreicht. Nun steht er vor seiner größten Aufgabe. Als Präsident von Liberia muss er einem der ärmsten Länder der Welt helfen. Eine Weltgeschichte.
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George Weah will seinem Land Liberia nun als Präsident helfen. Quelle: Reuters
Ex-Fußballstar mit großen Aufgaben

George Weah will seinem Land Liberia nun als Präsident helfen.

(Foto: Reuters)

Er hat seinen Kopf kahl geschoren, trägt oft ärmellose T-Shirts, bisweilen sogar mit dem eigenen Konterfei, und dazu das obligatorische Goldkettchen. Eigentlich stellt man sich so eher einen Rapper vor, aber nicht den künftigen Präsidenten eines Landes. Selbst wenn es sich bei dem Staat, den dieser Mann in Kürze übernehmen wird, um das westafrikanische Liberia handelt – eines der zehn ärmsten Länder der Welt.

Doch bei „King George“, wie der frühere Weltfußballer George Weah daheim ehrfurchtsvoll genannt wird, ist vieles anders. Und genau deshalb haben ihn die inzwischen fast fünf Millionen Liberianer am zweiten Weihnachtstag auch zu ihrem neuen Staatschef gewählt – in einer Stichwahl gegen den bisherigen Vizepräsidenten Joseph Boakai. Über 60 Prozent der Stimmen bekam der frühere Fußballer am Ende, deutlich mehr als Boakai, der unter 40 Prozent blieb.

Weah ist nach der nach zwei Amtszeiten nicht mehr angetretenen Staatschefin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf der mit Abstand berühmteste Sohn des Landes. Grund ist die glorreiche Fußballerkarriere des 51-Jährigen: 1995 war er sogar als erster und bislang einziger Afrikaner Weltfußballer des Jahres; unter anderem spielte er beim AC Mailand, Paris St. Germain und Chelsea London. Und überall liebten ihn die Fans für seinen Kampfgeist, aber auch für die fehlenden Allüren.

Wenn King George Hof hält, kommen die Menschen in Liberia deshalb in Scharen. Noch 2005 hatte der Nationalheld die so wichtige erste Wahl nach dem langen Bürgerkrieg gegen Ellen Johnson Sirleaf klar verloren – und auch die Wahlen sechs Jahre später, in denen er für das Amt des Vizepräsidenten kandidierte.

Allerdings hatte Weah bereits vor vier Jahren den Sohn der abgetretenen Präsidentin bei den Senatswahlen mit 78 Prozent aller Stimmen deutlich geschlagen – und gezeigt, dass wieder mit ihm zu rechnen ist. Nun steht er also abermals ganz oben auf dem Siegertreppchen, allerdings vor einer ungleich größeren Aufgabe als zu Fußballerzeiten.

Sein deutlicher Sieg ist schnell erklärt: Weah gehört zu den wenigen reichen Liberianern, die ihre Heimat nie vergessen haben. Jahrelang finanzierte der Mann aus einfachen Verhältnissen nicht nur die Trikots und Spesenrechnungen des Nationalteams, sondern schickte auch dann noch Spendengelder, als die Schergen des langjährigen Staatschefs und Kriegsverbrechers Charles Taylor sein Haus in Monrovia anzündeten. Zuvor hatte Weah öffentlich immer wieder gefordert, Liberia wegen der Verbrechen Taylors zu einem UN-Protektorat zu erklären. Nun ist er ganz obenauf – und Taylor ist zu 50 Jahren Haft verurteilt worden, die er in einer britischen Gefängniszelle verbüßt.

Alle Versuche seiner Gegner, Weah als intellektuellen Nobody abzutun, weil der Fußballer erst die Schule und dann eine Ausbildung als Telefonist abbrach, sind am Ende ins Leere gelaufen. Im Gegenteil – Weah machte aus dem Manko einen Pluspunkt: Die „Buchleser“, ein Codewort für die gebildete Elite Liberias, hätten in ihrer Machtgier die Jugend des Landes mutwillig verheizt. „Ich brauche keinen akademischen Grad, um zu sehen, wie kaputt Liberia auch nach zwölf Jahren Demokratie noch immer ist“, hatte er im Wahlkampf immer wieder selbstbewusst und mit Erfolg gekontert, wenn man ihn als völlig ungeeignet diffamierte.

Mit dem klaren Wahlsieg krönt King George nun eine Lebensgeschichte, die 1966 in Claratown begann, einem Slum von Monrovia, über dessen mit Schlaglöchern durchsiebten Straßen sein Weg zu den Topteams in Europa führte. Für Liberia wiederum markiert seine Wahl den ersten friedlichen Übergang einer Präsidentschaft seit 1944 – ein tiefer Einschnitt für das von einem extrem brutalen Bürgerkrieg geschundene Land.

Vor dem zum Präsidenten mutierten Fußballstar liegt nun eine geradezu herkulische Aufgabe, zumal ein furchtbarer Ebola-Ausbruch das Land weit zurückgeworfen hat: Der verheerenden Epidemie sind zwischen 2013 bis 2015 mehr als 4000 Liberianer zum Opfer gefallen.

Auch sind zuletzt die Preise von Gummi und Eisenerz eingebrochen, den wichtigsten Exportgütern des Landes. Für Weah alles kein wirkliches Problem: „Sie haben mich da draußen schon immer verlacht. Doch mit mir kriegen die Menschen in Liberia endlich eine Regierung, die sich wirklich um sie kümmert“, verspricht er. Und wenn man auf seinen Aufstieg vom Slumkind zum Fußballgott schaut, will man ihm dies irgendwie auch glauben. Obwohl fast jeder afrikanische Staatschef vor seinem Amtsantritt Ähnliches versprochen hat, ohne dies später einzulösen.

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