Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Die Tragik um Oscar Pistorius

Kein anderer Fall sorgte in Südafrika so für Aufsehen wie der Mordprozess gegen den Paralympics-Star Oscar Pistorius. Mit dem endgültigen Urteil endet nach mehr als vier Jahren ein tragischer Fall in Südafrika.
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KapstadtEigentlich ist über den Fall Oscar Pistorius wirklich alles geschrieben und gesagt worden. So dachten jedenfalls viele, als vor 15 Monaten, nach einem längeren Berufungsverfahren, das vermeintlich endgültige Strafmaß gegen ihn verhängt wurde: eine nur minimal von fünf auf sechs Jahre erhöhte Haftstrafe – diesmal allerdings wegen „Mordes“ an seiner damaligen Freundin, was im deutschen Strafrecht dem Tatbestand des Totschlags entspricht.

Anders als von vielen erwartet, hatte die südafrikanische Justiz den Fall Pistorius jedoch keineswegs zu den Akten gelegt. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – im Windschatten einer deutschen Regierungskrise – verurteilte das oberste Berufungsgericht Südafrikas den früheren Spitzensportler am Freitagmorgen wegen Totschlags nun doch noch zu einer drastisch höheren Haftstrafe von 13 Jahren und fünf Monaten – mehr als doppelt so hoch wie das  ursprüngliche Strafmaß.

Bei aller Verblüffung ist das Urteil nur konsequent: Auf Totschlag stehen in Südafrika normalerweise mindestens 15 Jahre Haft. Pistorius ist diesmal nur deshalb darunter geblieben, weil die Berufungsrichter seine schon abgesessene Haftzeit berücksichtigt haben. Für die Richter selbst war der Fall offenbar eindeutig: Sie erkannten nun unisono auf eine deutlich kriminelle Absicht als Pistorius damals viermal auf die kleine Toilettenkabine schoss.

Dass es in den vorherigen Verfahren ausgesprochen milde Urteile gegen Pistorius gegeben hatte, erklärt sich vor allem damit, dass Richterin Thokozile Masipa im von ihr geleiteten Hauptverfahren offenbar einen grundlegenden juristischen Fehler begangen hatte: Als Pistorius die Schüsse abgab, habe er gewusst, dass sich in der verriegelten Toilette eine Person befand – und in dem winzigen Raum mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von der stark zerstörerischen Munition getötet würde, die der Waffennarr benutzte. Die Schlussfolgerung der Richterin, der Angeklagte habe eine mögliche Tötung nicht vorhersehen konnte, sei somit nicht zutreffend gewesen, hieß es nun. Auch sei es zum Tatbestand des vorsätzlichen Handelns nicht nötig, dass ein Täter wisse, wer sein Opfer sei. „Eine Person, die eine Bombe in eine Menschenmenge wirft, weiß nicht um die Identität der Opfer, aber hat dennoch die eindeutige Absicht, diese zu töten“ hieß es in der Begründung.

Mit dem Urteil, das alles Vorherige in den Schatten stellt, aber von den Medien diesmal nur am Rande erwähnt wurde, scheint der sensationelle Fall nun wirklich endgültig vorüber zu sein. Der Werdegang des Sportlers vom international gefeierten Athleten zum Todesschützen und die jahrelange juristische Aufarbeitung des Falles gehört sicherlich zu den größten Geschichten, über die ich in meinen 25 Berufsjahren in Südafrika berichtet habe.

Ich erinnere mich noch genau an den Morgen des 14. Februars 2013 als ich beim Frühstück im Radio erstmals von der Tat hörte – und mich kurz darauf für ein Feature am gleichen Tag darauf festlegte, dass es nach meinem Empfinden wohl keine Verwechslung mit einem Einbrecher gewesen sein konnte, die Pistorius zu Schusswaffe greifen ließ, sondern etwas Schlimmeres, etwa ein aus dem Ruder gelaufener Streit mit der Freundin mit furchtbaren Folgen wie es am Ende tatsächlich der Fall gewesen zu sein scheint. Zumal es auch nicht so war, dass die Polizei am Morgen nach der Tat erstmals  zum Anwesen des Sportlers gefahren wäre. Wer die Zeitungen am Kap im Vorfeld genauer gelesen hatte, wusste damals, dass die Beamten schon häufiger dort gewesen waren, weil es dort immer wieder zu „Vorfällen häuslicher Gewalt“ gekommen war.

Was dem Fall eine solche Tragik verlieh, war vor allem, dass Pistorius für eine Botschaft stand: einfach laufen! So schnell, wie es eben geht, und ein Handicap als etwas ganz Natürliches annehmen. „Morgens hat meine Mutter zu meinen Geschwistern gesagt: Zieht eure Schuhe an. Und zu mir: Oscar, nimm deine Prothesen“. So hat es Pistorius in London im August 2012 erzählt, kurz vor seinem Start – dem ersten eines Prothesenläufers bei den Olympischen Spielen. Denn von Geburt an fehlten ihm an beiden Beinen die Knochen. Seine Unterschenkel wurden ihm deshalb früh amputiert. Den Drang nach schneller Bewegung hat ihm das jedoch nie nehmen können.

In London durchbrach er dann als erster die Grenze zwischen Olympia und Paralympia – er startete bei beiden Veranstaltungen. Als der Stadionsprecher ihn in seinem Vorlauf über 400 Meter vorstellte, brandete so lauter Jubel auf wie sonst nur bei Usain Bolt – und jeder einzelne auf der Tribüne schien in diesem Moment zu verstehen, dass schon der Start des Südafrikaners ein historischer Sieg war.

Wer ihn jenseits der Schlagzeilen beobachtete, spürte spätestens ein bis zwei Jahre vor der Tat, dass die Entwicklung vom Sportler zum Star nicht spurlos an ihm vorüberging – und Pistorius zunehmend die Bodenhaftung verlor. Er war fast permanent unterwegs und häufig in Streits verwickelt, aber auch nachts, wenn er nicht schlafen konnte, offenbar hin und wieder auf dem Schießstand. Freunde bemerkten eine merkwürdige Distanz, ja Arroganz, insbesondere als er 2012 in London bei den Paralympics nach seiner Niederlage gegen die vermeintlich zu langen Prothesen seines brasilianischen Konkurrenten Alan Oliveira lautstark protestierte und seinem sichtlich geknickten Gegner sogar den Handschlag verweigerte. Vor laufenden Kameras noch dazu.

Für Südafrika ist der nun medial so im Stillen, aber dennoch mit einem Paukenschlag an sein Ende gekommene Prozess ein Drama von geradezu epischer Dimension gewesen. Ein Drama, dass die Menschen am Kap fünf Jahre lang in Atem gehalten und dass monatelang für Gesprächsstoff gesorgt hatte. Was bleibt, ist, dass Pistorius als „schnellster Mann ohne Beine“ Sportgeschichte geschrieben hat. Doch die Tat in der Nacht zum Valentinstag im Jahr 2013 hat nun, soviel ist jetzt sicher, seine Ausnahmekarriere für immer beendet. Mit der langen Haftstrafe darf nun jedenfalls ausgeschlossen werden, dass Oscar Pistorius international jemals wieder sprinten wird.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent

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