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Wenn Dürre zum Normalzustand wird

Die südafrikanische Provinz um Kapstadt erlebt die schlimmste Dürre seit über hundert Jahren. Wenn es so weiter geht, wird die Touristenhochburg zum Jahresende buchstäblich auf dem Trockenen sitzen.
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KapstadtEs kommt nicht oft vor, dass es das Wetter in Südafrika bis in die deutschen Abendnachrichten schafft. Normalerweise braucht es dafür ein paar heftige Schneefälle, weil so etwas für die meisten Deutschen so gar nicht in ihr exotisch angehauchtes Afrikabild passt. Als jedoch Anfang Juni das erste wirklich kräftige Sturmtief dieses Südwinters die Küstenmetropole traf, war dies den Machern der Tagesschau sogar einen längeren Beitrag wert. Denn das Tief sollte der dürregeplagten Region endlich ein wenig Erleichterung verschaffen. Die erhofften Regenmassen blieben allerdings aus - und Kapstadt nahezu trocken.

Selbst jetzt, zur Mitte des Kapwinters, in  dem für gewöhnlich der Löwenanteil des Gesamtniederschlags fällt, sind die fünf großen Reservoirs der westlichen Kapprovinz, noch immer nur knapp zu einem Viertel gefüllt  - und liegen damit beträchtlich unter den 36 Prozent, die sie im vergangenen Jahr um diese Zeit aufwiesen, als die Lage bereits als kritisch galt. Zumal die letzten zehn Prozent des aufgestauten Wassers quasi unbrauchbar sind. So bleibt der Touristenhochburg am Kap der guten Hoffnung derzeit nur noch eine Notreserve von wenig mehr als 15 Prozent.

Wenn es so weiter geht, werden die Kapstädter womöglich zum Jahresende buchstäblich auf dem Trockenen sitzen, also  gerade dann, wenn im Südsommer die Hochsaison auf vollen Touren läuft. In mehr als 100 Jahren haben Kapstadt und das Westkap jedenfalls keine schlimmere Dürre erlebt -  und wenig deutet zurzeit auch für dieses Jahr auf wirklich ergiebige Regenfälle hin.

Um die Bewohner zum Wassersparen zu animieren, hat Kapstadts Stadtverwaltung bereits einiges unternommen: So wurde vor einigen Wochen regelmäßig eine Liste der 100 größten Wasserverschwender veröffentlicht – allerdings ohne den gewünschten Effekt, weil nicht Vor- und Zuname, sondern lediglich die Straßennamen genannt wurden.

Inzwischen werden die Sparmaßnahmen fast im Monatstakt verschärft;  Seit Anfang Juni ist nun selbst das Nachfüllen von Swimming Pools verboten. Auch dürfen Kapstädter mit Leitungswasser weder ihre Gärten gießen, noch ihre Autos waschen. Und schließlich sollen sie selbst nur noch höchstens 100 Liter pro Tag verbrauchen und deshalb nicht länger als maximal zwei Minuten am Tag duschen. Bei Zuwiderhandlung drohen heftige Strafen: Gerade erst wurden die Geldbußen von 5.000 auf 10.000 Rand (rund 700 Euro) erhöht, besonders störrische Wasserverschwender sollen sogar im Gefängnis landen.

Ursache für den Ausnahmezustand ist eine Mischung aus starkem Zuzug nach Kapstadt und nicht vorhersagbaren Wetterkapriolen. Seit dem Ende der Apartheid vor bald 25 Jahren, hat sich Kapstadts Bevölkerung fast verdoppelt, zumal die von der liberalen Demokratischen Allianz geführte Stadt als die mit Abstand am besten regierteste Metropole in Südafrika gilt und für Migranten aus ganz Afrika ausgesprochen attraktiv ist. Zeitgleich ist die Aufnahmekapazität der Dämme im gleichen Zeitraum aber nur um 15 Prozent gestiegen.

Für den ausbleibenden Regen machen Meteorologen hingegen vor allem die zuletzt nur noch schwach ausgeprägten Tiefdruckgebiete aus der Antarktis verantwortlich, die in den vergangenen drei Jahren von einem starken Hoch bei Angola abgedrängt und deshalb nur allzu oft südlich am Festland vorbeigezogen sind statt dort wie früher zumindest hin und wieder einen Volltreffer zu landen. Selbst der Herbst, der auf der Südhalbkugel zwischen März und Mai liegt, brachte Kapstadt erneut ungewöhnlich hohe Temperaturen - und viel zu wenig Niederschlag.

Inzwischen plant die zunehmend besorgte Stadtverwaltung, Grundwasser in der Nähe von Krankenhäusern und Schulen, aber auch das natürliche Reservoir unter dem Tafelberg anzuzapfen. Auch soll eine Entsalzungsanlage Meerwasser als Trinkwasser aufbereiten. Eine ebenso kostspielige wie umstrittene und langfristige Methode. Die Stadtverwaltung selbst erwartet, dass die Wasserversorgung zumindest bis zum Jahresende gewährleistet ist und verschärft gerade alle Wassergesetze.

Bürgermeisterin Patricia De Lille zufolge gilt die Dürre fortan als der „neue Normalzustand“ am Kap, selbst wenn es wieder besser regnen und die Lage sich irgendwann entspannen sollte. Umgerechnet fast 25 Millionen Euro will die Stadt in den nächsten beiden Jahren in die Wasserinfrastruktur stecken, um die Auswirkungen der Trockenheit auf  Bauern, Wirtschaft und Bewohner zu lindern. Auch will De Lille von Städten lernen, die bereits seit längerem erfolgreich gegen Dürreperioden kämpfen, etwa Los Angeles oder Mexiko City. In der Zwischenzeit soll  das benötigte Nass womöglich mit Tankzügen aus anderen Teilen des Landes ans Kap gekarrt werden.

Einen kleinen Lichtblick gibt es aber: Im Norden des klimatisch zweigeteilten Südafrika sind die Dämme um Johannesburg nach unerwartet ergiebigem Sommerregen (noch) gut gefüllt.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent

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