Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Frankreichs Protestkultur
Rebellen oder bloß Schauspieler?

Gewalt bei Demonstrationen bestimmt das Bild von Frankreichs Protestkultur. Doch spontan sind diese Ausschreitungen nur selten – manchmal gibt es am Abend zuvor sogar eine Generalprobe. Auftakt unserer „Weltgeschichten“.
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ParisFrankreichs Protestkultur sichert dem Land immer wieder weltweite Aufmerksamkeit. Halb belustigt, halb entsetzt verfolgt man von Frankfurt bis Washington, wie zornige Bauern Lastwagen umstürzen, eine Präfektur stürmen oder einem Personalchef den Anzug vom Leib reißen. Viele Beobachter glauben dann, hier komme roh und wild die revolutionäre Ader der Franzosen zum Ausdruck.

Sie irren sich. Auch beim Protest per Faustrecht ist Frankreich ein wohl organisiertes Land, was man allerdings erst nach einiger Zeit feststellt. Mich weihte erst kürzlich ein Diplomat in die Dramaturgie des französischen Straßenkampfes ein. „Ich dachte lange wie Sie, es ginge um spontane Gewaltausbrüche, wenn beispielsweise Bauern in der Bretagne mit einem Tieflader das Gitter zur Präfektur rammen und das Gebäude stürmen“, gestand er.

In Wirklichkeit sei es ganz anders. „Am Vorabend der Proteste gibt es vertrauliche Gespräche zwischen den Anführern der Landwirte und der Präfektur.“ Dabei werde penibel wie bei einer Generalprobe am Theater besprochen, was gehe und was nicht, also beispielsweise: Ihr dürft das Gitter auframmen, einen Anhänger voll Mist ausleeren, ihr könnt ins Gebäude stürmen, ein paar Schreibtische umstürzen und Schränke auskippen. Gewalt gegen Menschen sei tabu.

So lange die Protestler sich am folgenden Tag an den vereinbarten Ablaufplan halte, verzichte der Staat auf Sanktionen. Die Landwirte könnten eine zornige, spontan sich versammelnde Menge mimen, Parolen rufen und wie beim Sturm auf die Bastille 1789 schwungvoll in den Hort staatlicher Gewalt eindringen. Auch wenn es dabei kracht und splittert, verzichten die Ordnungshüter darauf, die Ordnung zu hüten.

So konnte man in den vergangenen Monaten erleben, dass französische Winzer im Süden des Landes spanische Tanklastwagen angriffen. Antriebslos, lethargisch stand die Polizei daneben, die sonst so schnell mit Tränengas bei der Hand ist. Sie sah zu, wie der schöne Wein in den Straßengraben floss und ein Lkw in Flammen aufging. Der spanische Botschafter protestierte und erinnerte zornig an die Freiheit des Handels in der EU, wurde aber von den französischen Behörden gebeten, sich doch nicht so zu erregen: Die spanische Seite werde schon entschädigt, die Versicherung zahle. Man darf auch hier ein Arrangement mit den Winzern vermuten.

Nun ist es allerdings so, dass in den Adern des einen oder anderen Franzosen eben doch noch ein paar Tropfen Rebellenblut fließen. Diese Individuen schlagen über die Stränge – und bekommen die Folgen zu spüren. Die Angestellten von Air France, die ihrem Personalchef vor ein paar Monaten Anzug und Hemd vom Leibe rissen, erreichten weltweite Berühmtheit. Aber sie verstießen gegen das Tabu: Keine körperliche Gewalt gegen Führungspersönlichkeiten.

Vier Gewerkschafter ohne betriebliches Mandat wurden sofort entlassen. Und sogar ein Mitglied der Mitarbeitervertretung von Air France, die in der Regel unkündbar sind, bekam Mitte August seine Kündigung. Der Fall ging bis zur Arbeitsministerin hoch, weil keine der nachgeordneten Ebenen sich getraut hatte, die Entlassung zu bestätigen.

Man sieht: Die Verflechtungen der Protestkultur reichen bis in die höchsten Ebenen der Politik. Auch das Faustrecht muss penibel verwaltet werden.

In der Berichterstattung über die große Weltpolitik gehen die kleinen Themen häufig unter. Doch gerade sie prägen ein Land und helfen es zu verstehen. Und sie verändern ein Land. Deshalb gibt es ab sofort unsere Reihe „Weltgeschichten“.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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