Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Die Macht der Bilder

Eine Ausstellung in Paris zeigt Bilder vom Ersten Weltkrieg, die damals zensiert worden waren. Die Schau stellt auch die Frage, was heute unser Bild vom Krieg prägt.
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ParisDas französische Militär thematisiert eine der heikelsten Fragen im Zusammenhang mit militärischen Auseinandersetzungen: den Umgang mit der Wahrheit. Eine spannende Ausstellung des historischen Dienstes der französischen Armee im Schloss von Vincennes in Paris zeigt verbotene Bilder aus dem Ersten Weltkrieg. Sie wurden von der Zensur in Beschlag genommen und lagerten seit Jahrzehnten für die Öffentlichkeit unzugänglich in einem speziell angelegten Archiv. Die Ausstellung wirft die Frage auf, wie die militärische Kontrolle die Darstellung des Krieges verändert. Zugleich zeigt sie einen interessanten Trend: Das französische Militär selber problematisiert seine Arbeit.

Frankreich hat keine Parlamentsarmee, der Präsident kann die Soldaten per Knopfdruck in Marsch setzen. Und anders als auf allen sonstigen politischen Gebieten kann er rasch vorzeigbare Resultate erzielen. Die Militärs aber möchten in einen Dialog mit der Gesellschaft treten, und sei es über den Umweg einer historischen Schau.

Den Vietnamkrieg haben die USA im Wohnzimmer verloren, lautet eine bekannte Binsenweisheit. Abend für Abend sahen die Amerikaner Napalmbomben, verbrannte Kinder und sterbende GIs. Das untergrub die Bereitschaft, den Krieg gegen die um ihre Unabhängigkeit kämpfende frühere französische Kolonie mit noch größerer Härte weiterzuführen. Die Politiker haben ihre Schlüsse daraus gezogen: Heute werden die Bilder zensiert. Was durchkommt, sind beispielsweise Aufnahmen von Präzisionsbomben, auf denen keine menschlichen Opfer zu sehen sind. 

Die Macht der Bilder hat die Militärzensur allerdings schon viel früher erkannt, wie die Ausstellung in Paris beweist. „Nicht bei Kriegsausbruch 1914, sondern erst 1915 realisierte die französische Regierung, dass Deutschland und Österreich Journalisten akkreditierten, Fotos nutzten, um ihre Propaganda zu unterstützen, vor allem in neutralen Ländern“, sagt Hélène Guillot, Kuratorin der Ausstellung. Daraufhin wurde eine ad hoc-Truppe auf die Beine gestellt, unter Leitung eines Professors der „Schule für die schönen Künste“, weil die das beste Fotolabor hatte. Sie sollte Bildmaterial besorgen, das den eigenen Anspruch unterstützte, einen „Krieg gegen Barbaren“ zu führen.

Sofort aber meldeten sich die Militärzensoren zu Wort, die bereits seit 1871 alle schriftlichen Berichte über das Kriegsgeschehen kontrollierten. Sie untersagten die Veröffentlichung vieler Aufnahmen. Das gilt nicht nur für offensichtliche Problemfälle wie Bilder von eigenen Stellungen oder modernen Waffen, die dem Feind wichtige Informationen liefern könnten, sondern auch für ganz anderes Material. „Man fürchtete beispielsweise, dass Fotos von deutschen Angriffen die Bevölkerung einschüchtern könnten oder Bilder aus den Schützengräben die Gräuel des Krieges plastisch vor Augen führen und die Kampfmoral verringern könnten“, erläutert Gullot.

Die Tafeln im Schloss von Vincennes mit Fotos, die niemand zu Gesicht bekommen durfte, überraschen teilweise. Die Aufnahme eines französischen Soldaten, der im Schützengraben sitzend aus dem Blechnapf isst, hat nichts Erschütterndes, ganz anders als die hoch auflösenden Fotos von zerrissenen Körpern. Aber den Zensoren war das Schwarzweißbild nicht heroisch genug, der Abgebildete ist zu niedergeschlagen. Den Unwillen der Aufpasser erregte auch ein Bild vom Grab eines französischen Soldaten, den Deutsche bestattet hatten: „Hier ruht ein französischer Held“, steht auf dem Holzkreuz. „Die Zensur fand, das erwecke den Eindruck, die Deutschen verhielten sich ritterlich im Kampf“, analysiert Guillot. Das passte nicht zum eigenen Claim, man verteidige sich gegen Barbaren.

Die Ausstellung provoziert sofort eine Frage: Wie gehen Politik und Militär heute mit der Macht der Bilder um? Gibt es eine ausgefeilte Anweisung, wer was zeigen darf? Wer entscheidet darüber? Welche Fotos und Videos gibt es aus den Kriegen in Mali oder im Irak und Syrien, in welchen Archiven verschwinden die? An dem Punkt zieht Guillot die Notbremse: „Das müssen andere beantworten, das entscheidet wohl das Ministerium.“ Sie will sich dazu nicht äußern. Immerhin: Es ist mutig von der Armee, selber die Thematik anzuschneiden, auch wenn der konkrete Anlass weit zurückliegt.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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