Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Die Welt zu Gast in Frankreichs Provinz

Die journalistischen Medien in Frankreich stehen unter Druck. Zeitungen hängen von Subventionen ab. Bei einem großen Treffen von Journalisten ist die Stimmung trotzdem gut. Besonders interessiert ein Deutschland-Thema.
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CouthuresEin viertägiges Journalismus-Festival auf dem platten Land, im 400-Seelen-Dorf Couthures, in the middle of nowhere: Selbst in der schönen französischen Provinz ist das ein ziemlich gewagtes Vorhaben. Die Tageszeitungen Le Monde, Sud-Ouest und Le Temps de Genève haben sich, mit Unterstützung des Départements Lot et Garonne getraut und zumindest der Publikumserfolg gibt ihnen Recht: 4000 zahlende Besucher kamen in das Dorf an der Garonne.

Laurence Corona, die Initiatorin des Festivals, ist begeistert: „Die Atmosphäre ist einzigartig, alle waren zufrieden: die Dorfbewohner, für die es nicht ganz einfach ist, die Teilnehmer und die Journalisten.“ Von Donnerstag bis Sonntag vergangener Woche hatten sie, Le Monde und eine Vielzahl von Sponsoren zum „Festival des lebendigen Journalismus“ eingeladen. „Ein neues Leben wagen“, „Die Wasserkrise“, „Informieren in Zeiten des Post-Faktischen“, „Das deutsche Labor“, „Die Straße hat das Wort“, „Arbeit neu erfinden“ und „Mit Tieren leben“ waren die großen Themenblöcke. Rund 120 einzelne Workshops füllten sie aus, ein Mammutprogramm.

Welches Thema hatte den größten Erfolg? „Du wirst glauben, ich will Euch schmeicheln, aber das war ‚Das deutsche Labor‘“, sagt Corona. Sie habe das Thema bereits länger im Kopf gehabt, dank der Partnerschaft mit Le Monde habe sie es realisieren können. Auch alle Konferenzen, die sich um Fake News drehten, fanden starkes Echo.

In der Länge ist Couthures die einzige Veranstaltung dieser Art in Frankreich. Im Juli fand allerdings ein etwas kleineres Festival in Autun statt, auch hier ging es um lebendigen Journalismus, besser würde man sagen: Journalismus Live. Autun wird unterstützt von der italienischen Wochenzeitung Internazionale, die bereits seit ein paar Jahren in Ferrara Journalismus zum Anfassen bietet.

In Frankreich ist eine solche Veranstaltung ein besonderes Wagnis, denn den Medien geht es schlecht. Sie hängen von hohen staatlichen Subventionen ab. Früher sehr erfolgreiche Blätter wie Libération sind heute ein Anhängsel von Telekom-Konzernen geworden: Wer einen Handy-Vertrag abschließt, bekommt ein Libé-Abo gratis dazu. Auf diese Weise als Gimmick zu enden ist ein denkbar trauriges Schicksal. Es trifft nicht nur die Tageszeitungen: l’Express, als Magazin früher eines der Flaggschiffe der französischen Medien, verkauft heute noch 30.000 Exemplare.

Le Monde wurde durch das Investment von drei Multimillionären stabilisiert: Pierre Bergé, dem Modeunternehmer, der das Erbe von Yves Saint Laurent verwaltet, dem Investmentbanker Matthieu Pigasse und dem Telecom-Tycoon Xavier Niel, einer der reichsten Männer Frankreichs. Die Taschen der drei sind tief, doch sie verlangen Anstrengung von Le Monde und im Verhältnis zur Redaktion gibt es öfters Spannungen. Die Medienlandschaft ist allerdings quicklebendig: Noch immer werden neue Objekte gegründet, als reine Internet-Angebote oder in Print. Und die 101-jährige Satirezeitung Le Canard Enchaîné ist hoch rentabel – ohne Werbung und ohne Internet-Auftritt. Viele andere aber müssen sich nach neuen Wegen umsehen, auf denen sie ihre Leser erreichen. Der Gedanke steht hinter dem Festival von Couthures.

Beim Publikumsliebling „Das deutsche Labor“, organisiert vom Le Monde-Journalisten Frédéric Lemaitre, ging es um ein breites Spektrum: um die Bundeskanzlerin – der deutsche Merkel-Watcher Andreas Rinke hatte mit Auszügen aus seinem Merkel-Lexikon großen Erfolg  – um den Umgang mit dem Populismus und um die Energiewende. Auch wenn das Format der Workshops – Podiumsdiskussion, jeweils am Ende ein paar Fragen aus dem Publikum – sehr klassisch war: Den Teilnehmern gefiel es offenbar.

Eines der bestbesuchten „Ateliers“ drehte sich um die Frage, ob der Journalismus selber auf die Anklagebank gehöre, weil er zu sehr mit der politischen und wirtschaftlichen Macht paktiere oder den Lesern zu wenig Möglichkeit biete, Einfluss zu nehmen. Die Parlamentskorrespondentin von Le Monde nahm die undankbare Rolle auf sich, als potenzielle Zielscheibe der Leserkritik zu dienen. Die Leser aber freuten sich vor allem über die Gelegenheit, zu Wort zu kommen. Nur manchmal kochten die Emotionen hoch: „Sie vernachlässigen die Provinz, Sie kümmern sich nicht um das Land außerhalb von Paris, aber das Land liebt sie nicht, Frankreich liebt Sie nicht!“, erregte sich ein Teilnehmer. Der Moderator verwahrte sich gegen eine angeblich überzogene Kritik und musste sich dafür von einem anderen Teilnehmer vorhalten lassen: „Typisch Journalist, Kritik mögen Sie wohl nur, wenn Sie von Ihnen selber kommt!“

Zu einer Großveranstaltung in Frankreich gehören heute wie selbstverständlich scharfe Sicherheitskontrollen, Couthures macht keine Ausnahme: die Zufahrtsstraßen mit Betonblöcken gesichert, bei jedem Einlass werden nicht nur die Taschen und Rucksäcke kontrolliert, man wird auch abgetastet. Die Besucher schreckt das nicht ab. Aber der Aufwand ist hoch, und Geld verdienen lässt sich mit dem Festival nicht: Ohne die Hilfe von Sponsoren könnte das Ganze nicht stattfinden. Corona hofft auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr: „Ich bin sicher, es klappt, vorausgesetzt wir gehen das Risiko ein und bieten etwas Neues, servieren den Leuten nicht einfach wieder das, was dieses Jahr gut funktioniert hat.“

Gut funktioniert in Couthures auch der Austausch nach den Workshops: Wie in einem großen Biergarten sitzen Festivalbesucher, Referenten und Moderatoren zusammen und reden sich die Köpfe heiß. Wenn man an einen Punkt kommt, an dem die Lage des Landes oder gar der Welt niederschmetternd wirkt, sagt garantiert jemand: „Was soll’s, wird sind in Frankreich und es ist Sommer.“ Und rettet damit die Stimmung.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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