Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Papa Jack Ma

Jack Ma, der Macher hinter der chinesischen Internetplattform Alibaba,  ist Firmengründer, Unternehmer, Philanthrop, aber auch Schauspieler, Sänger und Maler. Und obendrein ist er auch noch der Liebling der Chinesen.
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Peking„Überall ist Gelächter, dann herrscht wieder Stille, der Wind weht zum Sonnenaufgang, die Flut ebbt wieder ab“, säuselt Alibaba-Gründer Jack Ma in dem Lied „Feng Qing Yang“. Es ist ein Duett mit Faye Wong, der berühmtesten Sängerin Chinas. Anfang November stellte er es auf sein Weibo-Profil, das chinesische Pendant zu Facebook. Das Lied soll der Soundtrack zu dem Film „Gong Shou Dao“ sein, was übersetzt „Die Kunst der Attacke und der Verteidigung“ heißt. In ihm wiederum spielt Jack Ma einen Action-Star, der mal die Fäuste fliegen lässt und mal selbst durch die Luft fliegt.   

Der Mann mit geschätzten 30 Milliarden Dollar auf dem Konto will nicht nur als Unternehmer bekannt sein, sondern sich auch als Sänger, Schauspieler, Kungfu-Meister und Künstler. Der 53-Jährige gibt zwar selten Interviews, aber öffentlichkeitsscheu ist er ganz und gar nicht. Er ist sogar das, was man auf gut Deutsch auch eine Rampensau nennt.

So zum Beispiel auf der alljährlichen Mitarbeiter-Feier, bei der sich immer alle Welt fragt: Als was wird sich Jack Ma dieses Mal verkleiden? Zuletzt fuhr er als Michael Jackson mit einem Motorrad auf die Bühne, tanzte ein paar Schritte und schwenkte lasziv seine Hüften, während die 40.000 Anwesenden ekstatisch kreischten. Auf der Feier zum zehnjährigen Jubiläum setzte er sich eine weiße Perücke mit Federn auf, malte seine Lippen dunkelrot an, schmiss sich in ein Ledergewand, das an die Rocky Horror Picture Show erinnerte, und sang voller Inbrust „Can you feel the love tonight“ aus dem Disney-Film „Der Löwenkönig“.  In den Jahren dazwischen gab er „Unchained Melody“ auf einer Cloud Computing Konferenz zum Besten und feierte sein Vaterland mit dem patriotischen Schmankerl „Ich liebe dich, China“.

Aber sein Gesang ist nicht das Alleinstellungsmerkmal von Jack Ma in einem Land, in dem Karaoke ein Volkssport ist. Auch Wang Jianlin, dessen Unternehmen Wanda dieses Jahr wegen exzessiver Auslandsinvestitionen öffentlich gebrandmarkt wurde, greift bekanntlich gerne zum Mikro. Über die Jahre hat er mit seiner Goldkehle ein „Best of“ der chinesischen Pop-Songs durch Auftritte auf den Wanda-Firmengalas zusammengestellt. So sang der Konzernboss mit geschätzten 23 Milliarden Euro vor zwei Jahren den chinesischen Kult-Klassiker „Ich besitze nichts“ der Rock-Legende Cui Jian.

Doch während man sich streiten kann, wer von den beiden den Ton besser treffen kann, hat Jack Ma zumindest in der Malerei die Nase vorn. So verkaufte er sein erstes Bild, das er in Kollaboration mit dem  erfahrenen chinesischen Künstler Zeng Fanzhi produziert hatte, für 5,4 Millionen Dollar auf einer Auktion von Sotheby’s im Jahr 2015.

Zuvor hatte er mit einem anderen Kunststück im chinesischen Internet für Furore gesorgt. Denn über viele Jahre hinweg hatten Nutzer den drahtig gewachsenen Jack Ma mal mit Gollum aus dem Herrn der Ringe und mal mit einem Picasso-Gemälde verglichen. Irgendwann postete er eben dieses Bild auf Weibo und stellte darunter augenzwinkernd und mit reichlicher Nutzung von Emojis die Frage: „Ist Picassos Malerei dermaßen gut oder liegt es daran, dass der dargestellte Mann so gut aussieht?“

Er nimmt sich eben nicht so schrecklich ernst. So bat ein Weibo-Nutzer, man möge doch eine Software entwickeln, die es möglich mache, die Männerstimme im anfangs erwähnten Duett mit Faye Wong zu entfernen. Obwohl Jack Ma fleißig geübt hatte, konnte er sich seinen südchinesischen Akzent nicht abtrainieren – für Chinesen klingt die Ballade also so, als ob Celine Dion mit Horst Seehofer singen würde. Jack Ma retweetete diese Klage und versicherte seinen Followern, dass man sich mit der Zeit schon an seinen Gesang gewöhnen würde. Kurz davor schrieb er: „Wenn ich Menschen, die mich mögen, damit glücklich mache, bin ich glücklich. Und wenn ich die Menschen, die mich nicht mögen, unglücklich mache, dann bin ich noch glücklicher.“

Für diese selbstbewussten, humorvollen Sentenzen lieben die Chinesen Ma Yun, wie Jack Ma auf Chinesisch heißt. Denn anders als die sonst eher steifen Männer mit den gefärbten Haaren und den gestanzten Sätzen aus Politik und Wirtschaft ist der ehemalige Englisch-Lehrer ein Unikat. Er ist lebendig, originell, ehrlich – und wirkt dadurch erfrischend und authentisch. Und anders als das gängige Klischee über Chinesen, ist er auch keine Leuchte im Fach Mathematik – er ist in dem Fach sogar einmal durchgefallen. Generell erzählt er auch gern über seine Niederlagen: Er musste auf das schlechteste College seiner Stadt gehen, weil er die Eingangsexamen zwei Mal nicht bestanden hatte. Kentucky Fried Chicken wollte ihn nicht anstellen, Harvard lehnte ihn angeblich „30 Mal“ ab, auf seiner ersten Reise nach Amerika wollte er Geld für eine Firma zurückgewinnen und scheiterte kläglich. Und er hat bis heute keinen Schimmer von Technik.  

Aber all diese Erfahrungen und Schwächen machen ihn eben auch zu dem, wer er heute ist. „Er ist zwar kein technischer Experte im Cloud Computing, versteht aber ihre Bedeutung und Relevanz.“ Deswegen ist er auch Alibabas Chef-Stratege und Chinas Motivationsguru Nummer eins. Denn wenn es Jack Ma mit seinen verrückten Ideen schaffen kann, ein Milliardär zu werden, dann kann es wirklich jeder werden. Im Volksmund mag Staatspräsident Xi Jinping „Xi Dada“, also Vater Xi, sein. Aber den Kosenamen Papa hat Jack Ma bekommen. Ihn nennt man einfach „Ma Yun Baba“.

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