Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Macht und Sex

In Amerika rollen in den Vorstandsetagen die Köpfe. Nach den Enthüllungen über den New Yorker Film-Produzenten Harvey Weinstein müssen immer mehr Chefs wegen sexueller Nötigung oder gar Vergewaltigung ihren Hut nehmen.
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New YorkNew York ist die Heimatstadt von Harvey Weinstein. Der bekannte Filmproduzent beging hier viele seiner Schandtaten, schon vor 40 Jahren, als er Schauspielerin Cynthia Burr in einem New Yorker Hotelflur zum Oralsex zwang. Die Konzertproduzentin Hope Exiner d’Amore berichtet von einer Vergewaltigung in den Siebziger Jahren im Park Lane Hotel in der Nähe vom Central Park.

Die Filmemacherin Lacey Dorn erzählt von einem Vorfall 2011, als Weinstein sie beim Abschied von einer Party im Gramercy Park Hotel zwischen den Beinen anfasste. „Ich war so naiv“, sagte die damals 22-Jährige, „ich habe nichts gesagt“.

Weinstein könnte eine Wende in der Unternehmensgeschichte in Amerika markieren. Durch die Enthüllungen von „New York Times“ und „New Yorker“ ist der Produzent von Klassikern wie „Pulp Fiction“, „Shakespeare in Love“ oder „Apollo 18“ nicht nur in New York eine Persona non grata geworden. Freunde wenden sich reihenweise ab, Weinstein wurde von seiner gleichnamigen Filmproduktionsfirma gefeuert.

Eine ganze Reihe anderer Männer mussten nach ähnlichen Vorwürfen zurücktreten: Jeff Price, Chef vom Filmstudio Amazon, Kevin Spacey, Produzent und Schauspieler. Der Fondsgigant Fidelity feuerte den Staranalysten und Aktienexperten Gavin Baker. Der berühmte Fernsehmoderator Bill O`Reilly musste schon im Frühjahr 2017 bei Fox seinen Hut nehmen.

Beim in New York gegründeten Hedgefonds Bridgewater steht Investmentchef Greg Jensen unter Beschuss: Er soll vor einigen Jahren eine Mitarbeiterin angegrapscht und mit einer anderen eine Beziehung angefangen haben – das soll die Firma in einem Vergleich eine Million Dollar gekostet haben.

Macht und Sex, überall in der Welt ein schwieriges Thema. Dass in Amerika das Thema derzeit so in der Diskussion steht, überrascht nur auf den ersten Blick. Die puritanischen Werte der religiösen Landesgründer Amerikas bestimmen noch heute das tägliche Miteinander, auch in der Arbeitswelt. Beziehungen im Büro sind anders als in Deutschland nicht nur nicht geduldet, sie können sogar zum Rauswurf führen.

Aber das ist wirklichkeitsfremd. Wo Menschen Zeit miteinander verbringen, kommt es unweigerlich zu Berührungspunkten und Beziehungen. Die Grenzen, die Harvey Weinstein überschritt, muss man unter normalen Menschen erst gar nicht erwähnen. Eine Grenze muss da gezogen werden, wo Machtverhältnisse ins Spiel kommen. Eine Romanze zwischen Chefs und Untergebenen, das geht beim besten Willen nicht. Es vergiftet die Arbeitsatmosphäre, wenn es die anderen Mitarbeiter herausfinden, trübt die Objektivität des Vorgesetzten.

New York ist eine Stadt, in die Menschen kommen, die es schaffen wollen, die aufsteigen wollen. Die Enthüllungen um Weinstein zeigen, wie sehr die Mächtigen das ausbeuten können. Eine traurige Sache, die eine andere, dunkle Seite der Stadt zeigt.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York

Kommentare zu " Weltgeschichte: Macht und Sex"

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  • und draußen die Augen a u f zu halten

  • Teil 2/2 zu Kommentar von 8:04 Uhr:

    Man muss deshalb bedenken, dass Frauen (und Männer!), denen von klein auf irgendetwas als alternativlos „einzige Wahrheit“ eingetrichtert wurde – immer vorausgesetzt, dass sie unter diesen Umständen überhaupt darauf kommen, dass da irgendetwas nicht ganz stimmen kann – weitaus mehr Mut und Kraft aufbringen müssen als in der hiesigen Kultur verwurzelte Menschen, wenn sie sich entscheiden, Widerstand zu leisten.

    Diese Frauen sind auf die Unterstützung aller aufrechten Bürger (ganz gleich, welchen Geschlechts) angewiesen. Sie im Stich zu lassen Mechanismen bei ihrer Unterdrückung als „kulturelle Besonderheit“ oder „Religion“ abzutun, wäre Verrat nicht nur an ihnen, sondern an der gesamten Gesellschaft, die in Freiheit und Frieden leben will.

  • @Herr Peer Kabus, 10.11.2017, 20:03 Uhr
    "....was in unserer Gesellschaft n i c h t länger hingenommen wird. "

    Keine Ahnung, in welchem Deutschland Frau Bollmohr lebt - aber sie muss wohl schon mit"unzähligen Chauvis" Erlebnisse gehabt haben.“)

    „Um „Erlebnisse“ mit denen zu haben, brauche ich nicht mal vor die zu Tür gehen. Dazu reicht es schon, einfach den Fernseher einzuschalten. Und draußen die Augen zu halten. Oder zum Beispiel hier im Forum Kommentare zu schreiben. Merkt man ja schon an den saudämlichen Kommentaren einiger (immer derselben) Kommentatoren, die zuverlässig immer dann kommen, wenn man es wagt, zu Themen wie diesem hier zu kommentieren. Da könnte manchmal meinen, es handele sich hier um ein Herrenmagazin und nicht um eine seriöse Zeitung.

    Und kann nur hoffen, dass diese Kommentatoren nicht repräsentativ für die gesamte Leserschaft oder Gesellschaft sind. Das Gleiche gilt übrigens auch für einen Teil unserer Mitbürger – ganz überwiegend männlichen Geschlechts - „ausländischer“ Herkunft, die (hoffe ich!!) eine Minderheit darstellen, aber gerade deshalb immer wieder dadurch unangenehm auffallen, dass ihr Verhalten und die sonstigen bekannten Umstände signalisieren, dass sie ihr Selbstbewusstsein offenbar hauptsächlich (wenn nicht allein) daraus ziehen, männlich und Muslim zu sein.

    Und dabei unter Berufung auf eben diesen Umstand ihre Frauen/Schwestern/Töchter daheim dazu anhalten, mehr oder weniger „freiwillig“ züchtig verhüllt vor die Tür zu treten, während sie selbst gleichzeitig in der vermeintlich feindseligen (da nicht zum eigenen geschlossenen Kreis gehörenden) Öffentlichkeit die sprichwörtliche „Sau rauslassen“.

    Deren Frauen kommen leider oft gar nicht darauf – im besten Falle, weil sie keinen Anlass dazu haben; im schlimmsten wegen Hilflosigkeit, mangelnder Aufklärung und mangelnden Selbstbewusstseins – dass sie sich sowas hierzulande nicht gefallen lassen müssen.

    (Teil 2/2 folgt!)

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