Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
New York im Sommerschlaf

Die Schulen sind zu, die Menschen sind weg. Von Juni bis September sind die Straßen der Millionenmetropole New York wie leergefegt, nur Touristen und Schlechtverdiener bevölkern die Stadt.
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New York CityEherne Tradition in Amerika: Der Sommer gehört den Kindern. Früher mussten sie in der Zeit bei der Ernte helfen, heute gehen sie schwimmen, Eis essen oder ein Sommercamp besuchen. Von Mitte Juni bis Anfang September sind die meisten Schulen zu.

Auch in New York entfliehen die Menschen der Gluthitze der Stadt. Wer es sich leisten kann, fährt zu seinem Sommerhaus in den Wäldern von New York State oder den Stränden von Long Island. Im Radius von zwei bis drei Autostunden gehören den New Yorkern massenweise Urlaubshäuser.

Das Ritual ist in Filmen wie in „Das verflixte 7. Jahr“ mit Marilyn Monroe verewigt. In dem Klassiker aus den fünfziger Jahren macht die Mode-Ikone ihrem Nachbarn das Leben schwer, dessen Frau und Kinder auf

Sommerausflug sind, während er allein in der Stadt zum Arbeiten zurückbleiben muss.

Neben einsamen Angestellten sind im Sommer vor allem Touristen auf den Straßen zu sehen. Tapfer trotzen sie der Hitze, vervielfacht durch die spiegelnden Fenster und Heizschächte der U-Bahn. An Einheimischen gibt es nur noch Familien mit fehlendem Kleingeld für ein Sommerhaus oder Ferienflüge. Stattdessen verbringen sie die Zeit auf dem „Tar Beach“, dem „Teerstrand“ – womit die mit Teerpappe beklebten, flachen Hausdächer gemeint sind.

In diesen Monaten geht alles etwas langsamer in New York, und das soll was heißen. Die Stadt der Geschwindigkeit schaltet einen Gang herunter, an der Börse gehen die Umsätze zurück, selbst in beliebten Restaurants sind auf einmal Plätze zu haben. Das Spiel des Sehens und Gesehen werdens wird jetzt in den Hamptons oder Montauk gespielt, den Edelstränden zwei bis sechs Autostunden entfernt – je nach Verkehr.

Vorbei ist es mit der gespenstischen Ruhe erst am Labor Day, dem ersten Montag im September. In der Woche danach öffnen die Schulen wieder, die Städter kehren braungebrannt zurück und verdrängen die Touristen wieder im Straßenbild. Es verschwindet die Hitze, zurück kommt die Hetze. Und von heute auf morgen ist New York im Sommer – wie ein weit entfernter Traum.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York

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