Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Im japanischen Amt
Eine handgeschnitzte Unterschrift

Mit der eigenen Signatur kann man in Japan schnell an Grenzen stoßen. Bei Vertragsabschlüssen wird deshalb immer wieder nach einem Namensstempel gefragt. Nur ärgerlich, wenn dieser kaputtgeht. Eine Weltgeschichte.
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TokioMeine Augen weiten sich erschreckt. Erst zuckt die Hand vor, dann die Fußspitze – doch sie kommen zu spät. Sie können den Fall meines Namensstempels nicht stoppen. Mit einem Tock schlägt der kleine ovale hölzerne Stab auf. Schnell beuge ich mich herunter, um ihn aufzuheben und zu begutachten. Oh, nein, ein kleines Stück ist aus der Umrandung gebrochen. Das Drama beginnt.

Wenn ich eine Hypothek abschließen wollte, könnte ich das mit meinem kaputten Stempel vorerst vergessen. Nicht einmal eine Banktransaktion könnte ich abschließen. Denn sowohl diverse Bankgeschäfte als auch amtliche Verträge werden in Japan generell nicht unterschrieben, sondern bestempelt. Komisch, dachte ich zuerst. Doch inzwischen erfüllt mich dieses Ritual des Besiegelns, das in Deutschland aus der Mode gekommen ist, mit einem merkwürdigen Gefühl der Zufriedenheit, besonders wenn es so durchchoreografiert wie in Japan ist.

Bei der Bank legt mir (meist) eine Sachbearbeiterin die Papiere vor, während ich mein Stempelschächtelchen öffnete. Dann drücke ich mein Siegel erst auf das kleine rote Stempelkissen und dann in die vorgesehenen Kästchen im Formular, Durchschläge eingeschlossen.

Und sollte noch ein Schreibfehler korrigiert werden müssen, heißt es durchstreichen, neuschreiben und überstempeln. Dann reicht mir die Fachkraft ein kleines Papiers zum Säubern des Stempels. Ich lege ihn sorgsam ins Etui zurück, schließe es mit einem satten Klack, und fertig ist der geradezu sinnliche Amtsakt.

Doch damit wird es vorerst nichts mehr. Da gibt es nur eine Lösung: Ein neuer Stempel muss her. Das ist in Japan zum Glück kein Problem: Überall gibt es Läden, wo man die kleinen Siegel für die verschiedensten Anlässe in Auftrag geben kann. Hanko oder Inkan werden sie genannt.

Idealtypisch besitzt der Japaner drei: Einen einfachen Stempel, meist von der Stange, mit dem man zum Beispiel den Erhalt der Post quittiert. Die sind meist klein, gerne auch mit Gummistempel. Dann gibt es noch den bei der Bank registrierten Stempel für alle analogen Bankgeschäfte, zum Beispiel die Eröffnung von Konten oder händisch ausgeführte Überweisungen. Die dritte Sorte wird beim Bezirksamt registriert und für geschäftliche Verträge genutzt. Oft haben die Japaner aber so wie ich aus Faulheit nur zwei Stempel, einen inoffiziellen und einen beim Amt und der Bank registrierten.

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Eine handgeschnitzte Unterschrift

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Der Stil des Stempels entscheidet

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