Japans Antwort auf Roboter: Sinnlose Jobs – die Zukunft der Arbeit

Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Japans Antwort auf Roboter
Sinnlose Jobs – die Zukunft der Arbeit

Die Japaner haben die Antwort auf die kommende Ära der Job-stehlenden Maschinen und Roboter schon parat: Sie erfinden Jobs, die Deutschen sinnlos erscheinen – und könnten damit zum Vorbild werden. Eine Weltgeschichte.
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TokioMeine Besucher aus Deutschland stellen mir oft eine Frage: „Warum gibt es so viele Japaner, die so sinnlose Arbeiten machen?“ Und tatsächlich werden sie in der real existierenden Arbeitswelt der ältesten Industrienation Asiens von ungewohnten Szenen überrascht.

Am Bahnhof oder irgendwo sonst am Wegesrand sehen sie vielleicht einen menschlichen Schilderhalter, der auf eine Beerdigung oder die Besichtigung neugebauter Wohnungen verweist. Und selbst kleinste Baustellen werden von zwei bis drei Sicherheitskräften bewacht, die mit Fahnen oder Leuchtstäben graziös Fußgänger, Fahrrad- und Autofahrer an der Verkehrsstörung vorbeiwinken.

Noch mehr Beispiele gefällig? In Supermärkten schieben uniformierte Sicherheitskräfte im Rentenalter Einkaufswagen hin- und her, fegen die Gänge oder betreuen den Fahrradparkplatz. Vereinzelt gibt es in einigen Kaufhäusern sogar die Aufzugführer- und häufiger –führerinnen noch, die für die Kunden die Knöpfe drücken, die Etagen ansagen, die Tür aufhalten und sich höflich verbeugen. Und Analysten beschweren sich, dass Japans Firmen oft zu viele Beschäftigte mit durchfüttern.

Es lebe die Verschwendung menschlicher Arbeitskraft

Meine Aufgabe ist es dann, zu erklären, dass hinter dieser scheinbaren Verschwendung menschlicher Arbeitskraft Methode steckt. Und mehr noch: Dass Japans kreatives Job-Erfindertum vielleicht ein globales Vorbild im kommenden Zeitalter der Künstlichen Intelligenzen und Robotern wird.

Die neuen Systeme werden nach Schätzungen selbst in Deutschland einen großen Teil von bisherigen Arbeitsplätze der Mittelschicht vernichten. Und da muss die Gesellschaft massiv neue Jobs schaffen, auch und gerade für die weniger Qualifizierten und das wachsende Heer altersarmer Rentner.

Japan verfügt dabei über einen Startvorteil: Das Land pflegt diesen Mechanismus schon lange. Und dahinter steht eine gesellschaftliche Ordnungspolitik, die deutlich von der deutschen abweicht. In Japan herrscht unausgesprochen das Prinzip, dass Arbeitslosigkeit nach Möglichkeit nicht sozialisiert, sondern von Firmen und dem Staat privatisiert wird.

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  • Sehr geehrter Herr Kölling,
    von Japan habe ich keine Ahnung. Auf Ihre japanischen Beispiele kann ich deshalb nicht eingehen.
    Aber im Mittelpunkt steht sicher die Frage, ob Rationalisierung/Automatisierung tatsächlich per Saldo Arbeitsplätze vernichten. In Deutschland diskutieren wir diese Frage seit 100 Jahren. Befürchtungen gab es zu allen Zeiten. Aber sie haben an Schlagkraft verloren. Auch in den Medien sind sie nur ein Randthema. Das liegt ganz wesentlich daran, dass die Befürchtungen nicht eingetreten sind und es sogar sehr viele Gegenbeispiele gibt.

    Ein Gegenbeispiel will ich erzählen. Würden unsere Autos noch wie vor 100 Jahren von Hand gefertigt, wären sie nur für ganz wenige Reiche bezahlbar. Eine Autoindustrie gäbe es nicht.Tatsächlich wurde jedoch das Fließband eingeführt, rationalisiert, automatisiert und Roboter in die Fabriken geholt. Dadurch sanken die Herstellungskosten eines Fahrzeugs so stark, dass sich nun breite Volksschichten ein Auto leisten können.. Es entstand eine leistungsfähige Industrie, die auch ins Ausland exportiert und 1 Million neue Arbeitsplätze in unser Land brachte.

    Und dann gibt es noch die Volkswirte. Sie blicken nicht auf einzelne Betriebe oder Branchen, sondern auf die Volkswirtschaft als Ganzes. Sie sagen, die Rationalisierung mag stellenweise zu Freisetzungen führen. Sie führt aber gleichzeitig zu "Produktivitätssteigerungen". Diese sind die Quelle für sämtliche Lohnsteigerungen. Ohne Rationalisierung und Produktivitätssteigerungen könnte die Kaufkraft der Löhne nicht steigen. Anders gewendet: Weil rationalisiert wird, können die Mitarbeiter mehr Geld verdienen. Und weil die Mitarbeiter jedes Jahr mehr Geld haben, können sie auch mehr und neuartige Produkte kaufen. Auf diese Weise werden die Arbeitsplatzverluste in den rationalisierenden Betrieben kompensiert.

  • „Die Einkommen müssen gleichmäßiger verteilt sein“, fordert Christine Lagarde in ihrem Gastkommentar (heute im HB auf der letzten Seite).

    Da sagt sie was. Ich bin schon froh, dass wir jetzt wenigstens den Mindestlohn haben (die beste Argumentation dafür habe ich damals als er eingeführt in dem Gastkommentar „Das Ende der Lakaienhaltung“ von Herrn Eberhard Sasse gelesen).

    Ich habe einen ziemlich „bunten“ Lebenslauf und meine Erfahrung ist jedenfalls:

    Die Höhe des Lohns steht quasi im genau umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Anforderungen (dem Anstrengungsgrad, also Schwere der Arbeit, dem „Ätzgrad“, und auch der Verantwortung), ist also reine Glückssache.

    Das muss sich wirklich ändern. So müssten, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, beispielsweise die mit dem Abwracken ausgedienter Schiffe betrauten Arbeiter in dem HB-Artikel http://www.handelsblatt.com/my/unternehmen/handel-konsumgueter/schiffsfriedhof-von-alang-schoener-abwracken/19201712.html um ein Vielfaches besser bezahlt werden als z.B. die meisten einfacheren „white collar“-Jobs.

    Ich bleibe dabei: Egal, ob unser aktuelles Finanzsystem nun irgendwann „zusammenkracht“ (und ein komplett neues System, dann mit einer global einheitlichen Währung - Zukunftsmusik, ich weiß - geschaffen werden muss) oder ob seine Grundstrukturen, d.h. insbesondere die aktuelle Funktion des Geldes erhalten bleiben: Wir brauchen dringend eine Neubewertung aller - materiellen wie immateriellen! - „Assets“.

  • Der Walfang ist ein weiteres negatives Beispiel sinnloser Arbeitsmarkt Politik. Der Fischfang wird subventioniert und die Fischer nicht entlassen, obwohl das Walfleisch, was sie erlegen, auf den Müll geworfen wird. Weil Walfleisch mit Quecksilber belastet ist und es keiner essen will.
    Da wird eine Spezies ausgerottet, nur damit Fischer Arbeit haben

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