Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
„Bitte USA, bombardiere Nordkorea“

Die Welt bemüht sich, die Spannungen mit Nordkorea zu entschärfen. Doch eine kleine wie lautstarke Gruppe konservativer Koreaner hat kein Interesse daran, sondern fordert einen militärischen Sturz von Kim Jong Un.
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SeoulGanz Asien hat Angst vor einem Krieg auf der koreanischen Halbinsel. Ganz Asien? Nein, eine kleine extrem rechte und lautstarke Gruppe von älteren Südkoreanern leistet Widerstand. „Bitte USA, bombardiere Nordkorea, wir würden uns glücklich schätzen, dafür zu sterben“, sagt ein älterer Herr in Seoul. Seine Begleiterin nickt, mit Tränen der Rührung in den Augen. So tief sitzt bei ihnen der Hass auf den Norden, der 1950 Südkorea angegriffen und in einem blutigen Krieg fast erobert hat.

Choe Tae-sun nennt sich der Herr, Sung Eun-kyung die Dame. Beide gehören zu den Organisatoren des „Volksbewegungscorps der Flaggenrevolution“, einem losen Netzwerk von vielleicht ein paar Tausend rechten Konservativen. Viele Mitglieder seien Offiziere der südkoreanischen Streitkräfte gewesen, sagt der 63-jährige Choe. Er hat es während seiner militärischen Laufbahn bis zum Oberstleutnant gebracht.

An diesem letzten Freitag im August stehen nach meiner Schätzung rund 200 Mitglieder vor dem Zentralen Bezirksgericht der Hauptstadt Seoul. Denn drinnen wird Lee Jae-Yong, der faktische Chef von Südkoreas größtem Familienkonglomerat Samsung, als Mittäter im Korruptionsprozess um die geschasste und inhaftierte ehemalige Präsidentin Park Geun-hye abgeurteilt.

Draußen schwingen die selbst ernannten konservativen Revolutionäre südkoreanische und amerikanische Flaggen, auf denen auch Parks Freilassung gefordert wird. Doch hauptsächlich skandieren sie: „Lasst Vize-Chairman Lee sofort frei.“ Denn er ist für genau wie Park, die Tochter des legendären Diktators Park Chung-hee – ihres Helden –, ein unschuldiges Opfer linker Gesinnungsjustiz.

Die Richter folgen der Aufforderung nicht. Zu fünf Jahren Haft verdonnern sie Lee wegen Bestechung, Veruntreuung, Falschaussage und noch einiger weiterer Delikte. „Das Urteil ist schrecklich“, schimpft Choe. „Unser Justizsystem ist zerstört.“ Und schuld ist für ihn Parks linksliberaler Nachfolger Moon Jae-in, der im Mai gewählt wurde. Choe nennt ihn nur den „sogenannten Präsidenten.“

Ein Menschenrechtsanwalt wolle der gewesen sein. Und nun behandle er Park schlimmer als eine Mörderin, klagt der Senior den Staatschef an. Dabei war Moon zu Beginn des Prozesses noch gar nicht Präsident. Zudem haben Teile von Parks eigener Partei für ihre Amtsenthebung gestimmt. Doch derartige Einwände wischt Choe vom Tisch. „Sie wollen Park im Gefängnis in den Tod treiben“, ist er überzeugt. Frau Sungs Augen werden wieder feucht.

Die Schicksale der Präsidentin und des Samsung-Patriarchen sind nicht die einzigen Gründe für seine Ablehnung von Moon, sondern ganz besonders auch die Nordkorea-Politik. Choe und seine Gesinnungsgenossen haben Nordkorea den Korea-Krieg nicht verziehen. Die Ausrottung der nordkoreanischen Führung kann ihm daher gar nicht schnell genug gehen. Denn damit wären für ihn auch die Linken in Südkorea erledigt.

Unter den rund 50 Millionen Südkoreanern gebe es fünf bis zehn Millionen Kommunisten, die allesamt von Nordkorea gesteuert würden, sind Choe und seine Gesinnungsgenossin überzeugt. Die Zahl mag zu hoch sein. Doch die emotionale Nähe der Linken zu Nordkorea ist kein reines Hirngespinst verbohrter Rechter. Die Linke in Südkorea habe nie einen solchen Verfassungspatriotismus und eine solch tiefe Abneigung gegen die real existierende Diktatur des Proletariats in Ostdeutschland wie die Sozialdemokratie in Westdeutschland entwickelt, meinte jüngst Brian Myers, ein Experte für Nordkoreas Propaganda und Wiedervereinigungsfragen an der südkoreanischen Dongseo Universität, im Handelsblatt-Interview. Stattdessen war sie erst pro-nordkoreanisch, habe sich allerdings nun zu anti-anti-nordkoreanisch geändert.

Auch Choe wurde von der Behandlung der Präsidentin bewegt. Empört habe er sich seit April vom stillen Rechten zum - wie er sagt - „politischen Partisanen“ gewandelt. Bisher habe er immer die Regierung unterstützt, doch Moon könne er nicht als Präsident akzeptieren. Nicht einmal die sehr hohen Zustimmungswerte für den neuen Mann an der Staatsspitze bekehren ihn. Stattdessen stützen Verschwörungstheorien den eigenen Glauben: Wahlergebnis und Umfragen seien allesamt gefälscht, und zwar so geschickt, dass es sich nicht nachweisen ließe.

Nur wollen die Flaggenrevolutionäre nicht einmal an diesen kleinen Wandel glauben - und erst recht nicht an einen großen von Moon Jae-in. Der war Anfang des Jahrtausends als Stabschef von Präsident Kim Dae-jong einer der Hauptverantwortlichen für die „Sonnenschein-Politik“, die Nordkorea durch Geld und gemeinsame Projekte verändern wollte. Das missriet allerdings spektakulär wie die immer schnellere Entwicklung von Atombomben und Raketen aller Reichweiten gerade dieses Jahr eindrucksvoll bewiesen hat.

Moon scheint daraus jedoch die Lehre gezogen zu haben, dass sein Land Nordkorea notfalls mit Härte begegnen muss. Er begann seine Amtszeit zwar mit dem Angebot an den Norden, ohne große Vorbedingungen wieder Gespräche aufnehmen zu wollen. Aber Nordkoreas Führer Kim Jong Un schickte als Antwort Raketensalve um Raketensalve in die Gewässer um Japan und steigert damit die Spannungen weiter. Und Moon griff plötzlich nicht nur zu martialischer Rhetorik, sondern handelte entschlossen.

Erst bestellte Südkoreas Präsident bei den USA vier weitere Raketenabwehrsysteme des Typs Thaad. Dabei ist schon die Stationierung der ersten Rampen bei großen Teilen seiner Basis umstritten. Und nachdem Nordkorea vorige Woche eine Rakete über Japan hinweg geschossen hat, kündigte er auch massive Gegenschläge bei Angriffen an. Der Norden hat immer wieder südkoreanische Kriegsschiffe angegriffen oder gar Inseln beschossen. Außerdem will er das Militär aufrüsten und hat sich mit Japans Regierungschef Shinzo Abe darauf geeinigt, durch Sanktionen und andere Maßnahmen den Druck auf Nordkorea auf ein Maximum zu treiben.

„Moon ist kein Umfaller“, ist daher der amerikanische Sicherheitsexperte Daniel Pinkston überzeugt, der in Seoul lebt. Alles Tarnung, meinen hingegen Choe und Sung. Sie wollen von nun an immer öfter demonstrieren. Denn ihr Leidensdruck spitzt sich zu. Im Oktober wird das Urteil gegen ihre Heldin, die Diktatorentochter Park, gefällt. Nach dem Schuldspruch gegen Lee haben sie zwar wenig Hoffnung auf einen Freispruch für die geschasste Präsidentin. „Aber wir werden weiterkämpfen“, sagt Choe.

Nur glaube ich kaum, dass die Senioren bei der Bevölkerung auf großes Echo stoßen werden. Kaum ein Passant bleibt stehen, um sich zu informieren - und erst recht nicht die Jugend. Schließlich haben die meisten Koreaner im Gegensatz zu den meisten Mitstreitern Choes noch mehr vom Leben vor als hinter sich. Dementsprechend gering ist das Interesse der Gesellschaft, durch präventive Enthauptungschläge der USA für die Wunden ihrer Eltern oder Großeltern und eine bessere Nachtruhe der Amerikaner einen neuen Korea-Krieg zu riskieren. Aber das wird diesen harten Kern von Park-Anhängern nicht abhalten, dem Rest des Landes lautstark die Meinung zu sagen.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

Kommentare zu " Weltgeschichte: „Bitte USA, bombardiere Nordkorea“"

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  • Tja, das läuft dann wohl auf einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg hinaus.

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