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Weltgeschichten
Ein entwaffnendes Land

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„Eine Pistole zu besitzen ist wie eine Zeitbombe“

Doch seit 1992 verschärfte die Regierung nicht nur die Gesetze gegen Japans organisierte Kriminalität. Sie wurden vor allem auch endlich durchgesetzt. Denn das moderne japanische Bürgertum zeigte weitaus weniger Verständnis als früher, wenn hin und wieder unbescholtene Privatleute herumschwirrenden Kugeln zum Opfer fielen.

Selbst Japans hartgesottene Yakuza rüsteten daher massiv ab. Die Kosten-Nutzen-Bilanz hat sich zu sehr zu Ungunsten von Feuergefechten verschoben. Seit 2002 hat die Zahl der Schießereien (meist von Yakuza) von 158 auf 45 im vergangenen Jahr abgenommen. „Eine Pistole zu besitzen ist wie eine Zeitbombe“, zitiert der Unterweltsexperte Jake Adelstein einen Yakuza aus dem mittleren Management. Welcher vernünftige Mensch würde so etwas noch bei sich zuhause aufbewahren.

Die Statistik legt nahe, dass dieses Kalkül spektakulär aufgeht. In den USA gehen mehr als drei Morde pro 100.000 Einwohner auf das Konto von Schusswaffen. In Japan wird der Wert in manchen Jahren mit null angeben. 2016 starben von den immerhin 126 Millionen Menschen nur acht an durch eine Kugel.

Wer in Japan jemanden umbringen will, muss sich also ein bisschen mehr anstrengen und Menschen vergiften, erdrosseln oder erstechen. Doch selbst letzteres erfordert in der Vorbereitung etwas Mut. Schließlich wird sogar der Messer- und erst recht Schwertbesitz streng reglementiert. 2009 wurde ein 74-jährige amerikanischer Tourist verhaftet, weil die Klinge seines Taschenmessers einen Zentimeter länger als die erlaubten sechs war. Ich rate daher Touristen sicherheitshalber, Taschenmesser zuhause zu lassen - und Pistolen sowieso.

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Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

Kommentare zu " Weltgeschichten: Ein entwaffnendes Land"

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  • Es mag natürlich sein, dass es deutlich schwerer ist in Japan an Schusswaffen zu kommen als in anderen Ländern. Das heißt aber eben nicht, dass es dort nicht auch zu Massenmorden kommt. Im Juli 2016 wurden z.B. in Sagamihara 19 Menschen erstochen.

    Desweiteren ist es etwas fragwürdig, wenn man eine niedrige Tötungsrate vor allem auf die Waffengesetze bezieht, da diese durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. Japans Gesellschaft ist z.B. deutlich homogener als in den USA, was Konflikte reduziert. Es gibt genauso auch zahlreiche kulturelle Unterschiede. Monokausale Antworten sind in der Regel nicht zielführend.
    Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine der höchsten Suizidraten weltweit.

    In Taiwan hingegen, wo der Waffenbesitz ähnlich restriktiv geregelt wird wie in Japan, findet man eine zehn Mal so hohe Tötungsrate. Im USA-Vergleich sind die Unterschiede dann nicht mehr so groß.

    Genauso kann man auch verschiedene europäische Länder vergleichen. In Großbritannien werden sowohl Schusswaffen als auch Messer sehr restriktiv reglementiert. Dennoch gibt es dort mit die höchsten Kriminalitätsraten in Westeuropa. Länder wie die Schweiz oder Tschechien haben hingegen zum Teil vergleichbare Waffengesetze mit den USA, gehören aber zu den europäischen Ländern mit den niedrigsten Kriminalitätsraten.

    Es ist daher schwer zu sagen, ob tatsächlich die Waffenpolitik in Japan Erfolg hat, da man nicht weiß, wie sich die Kriminalstatistik mit anderen Waffengesetzen entwickelt hätte. Generell sind in fast allen westlichen Ländern Tötungsraten in den letzten Jahrzehnten gefallen. Auch inn den USA hat sie sich z.B. in den letzten 25 Jahren mehr als halbiert.

    Ich denke eher nicht, dass es mit anderen Waffengesetzen deutlich mehr Morde in Japan gäbe.

  • Ach ja, das hatte ich gestern glatt vergessen zu erwähnen:

    "Für Japaner ist diese Knarrenliebe allerdings noch schwerer vorstellbar als für uns. Hier schauen mich meine Bekannten schon ungläubig an, wenn ich ihnen von Deutschland erzähle. Von Schützenfesten beispielsweise, bei denen die Teilnehmer mit Waffen über der Schulter in den Dörfern paradieren. "

    Dem Unglauben ihrer Bekannten in Japan sollten Sie mehr Glauben schenken. Wenn in Deutschland bei öffentlichen Umzügen tatsächlich einmal waffenähnliche Gegenstände getragen werden, dann sind das fast immer schußunfähige Dekorationsgegenstände und sofort nach Ende des Umzug müssen selbst diese wieder hinter Schloss und Riegel. Denn in Deutschland ist es ohne Ausnahmetatbestände wie z.B. Umzüge oder Aufführungen sogar verboten Deko-Gegenstände oder gar Spielzeug, das wie Schusswaffen aussieht in der Öffentlichkeit beisichzutragen (vgl. "Anscheinswaffen").

    Wie kommen Sie zu der Aussage: "Immerhin tragen 90 Prozent der Amerikaner eine Waffe."? Denn "immerhin" gibt es auch statistische Aussagen, dass über 70% der US-Bürger gar keine Feuerwaffen besäßen.

  • "Mit Jägern und Waffenliebhabern kommen in Deutschland statistisch immerhin 30 Feuerwaffen auf je 100 Einwohner"

    DAS sind die Zahlen, die das Small Arms Survey 2007 für Deutschland EINSCHLIESSLICH 20.000.000 ILLEGAL BESESSENER FEUERWAFFEN veröffentlichte. Das Nationale Waffen-Register Deutschlands weist noch nicht einmal 5 mio. legal bessene, erwerbsberechtigungspflichtige Schusswaffen mit Antrieb durch heiße Gase (Feuerwaffen) aus. Offiziell werden in Deutschland legal also NUR ~ 5 bis 6 Feuerwaffen pro 100 Einwohner besessen.

    Bitte künftig mehr Qualität bei der Recherche aufwenden und nicht wieder einfach "Kartoffeln" mit "Birnen" vergleichen, nur weil beides "Lebensmittel" sind! Auch wäre aufgrund des kulturellen und mentalen Hintergrunds ein Vergleich von Deutschland und der Deutschschweiz sinnvoller, statt mit so einem vom hiesigen Standort "exotischen" Japan - auch wenn hier der §42a WaffG auch das Beisichtragen in der Öffentlichkeit von Messern mit feststehenden Klingen von mehr als 12cm Länge und allen Taschenmessern mit einer Hilfe zum Öffnen der Klinge genauso verbietet wie das von Stich- und Hiebwaffen (einschl. Bischofsstäben). Wie wäre es mit einem Vergleich von Japan z.B. mit der VR China?

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