Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Vom Rebellen zum Regel-Fanatiker

Die so genannten „Liberals“ in den USA haben mit der deutschen Bedeutung des Worts wenig gemein. Aus den einstigen linken Rebellen gegen das System sind wahre Regel-Fanatiker geworden.
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New York CityLinks, progressiv und freiheitlich. Rechts, konservativ und regelkonform. Das sind unsere lieb gewonnen Schubladen im Kopf in Europa. Leider funktionieren sie hier in den USA so überhaupt nicht. Das amerikanische „liberal“ hat mit dem deutschen Wort wenig gemein.
Seit ich vor nun knapp vier Monaten nach New York zurückgekehrt bin, muss ich immer wieder feststellen, wie regel- und sanktionswütig hier vor allem die so genannten Linken oder Progressiven sind.
Beispiel Eins: Die berühmte Food-Coop in Park Slope in Brooklyn. Ein Supermarkt mit sehr gutem Essen zu günstigen Preisen, bei dem die Kunden beteiligt sind und auch ihre Zeit zur Verfügung stellen müssen. In der Praxis heißt das: An der Kasse und im Lager arbeiten Mitglieder der Kooperative, die im Gegenzug günstige Lebensmittel bekommen. Wir sind neugierig, schließlich hatten sich die Gründer der Food-Coop vor einigen Jahrzehnten von den Kooperativen in Italien inspirieren lassen.

Mein Mann, der als Rechtsanwalt eine Vorliebe für seitenlange Verträge hat, liest sich die Bedingungen im Detail durch. Schockiert stellt er fest, dass sich die 43 Seiten vor allem damit beschäftigen, was passiert, wenn Mitglieder ihre Pflichten nicht einhalten, nicht rechtzeitig ihre Abwesenheit ankündigen oder es wagen, für mehr Menschen dort einzukaufen als sie angegeben haben. Was einmal als löbliches Projekt begonnen hat, ist zu einer Supermarkt-Diktatur geworden.
Soviel soziale und vertragliche Kontrolle wollen wir uns nicht zumuten und verzichten lieber auf die günstigen Bio-Lebensmittel. Schließlich sind wir doch in das Land der Freiheit gezogen. Dachten wir.
Beispiel Zwei: Der Community Garden. Auf einer lauschigen unbebauten Fläche bei uns um die Ecke haben wohlmeinende Bürger einen Garten für die Gemeinschaft erschaffen. Geboren als Rebellion gegen den Immobilienboom, als Oase für Städter hat es uns der schöne kleine Park mit seiner Trauerweide und seinen Himbeerbüschen angetan.

Doch auch hier: Regelwut vom Feinsten. Wer am einzigen Einführungstag nicht anwesend ist, kann nicht Mitglied werden. Nach einer zwei (2!) – stündigen Einführung über die Historie des Parks, den Kampf mit Behörden und die verschiedenen Pflanzen teilen wir unsere Aufgabengebiete ein.
Amerikaner – links und rechts gleichermaßen - lieben es , „in charge of“ zu sein. Verantwortlich für irgendetwas. Und wenn es nur zehn Quadratmeter Garten am Zaun sind. Wie in den Unternehmen, die vor „Vice-Presidents“ platzen, haben auch wir in unserem Community Garden jede Menge Garten-Spezialisten „in charge off“ irgendwas. Nach zwei weiteren zweistündigen „Orientations“ zu den Sub-Details unseres Verantwortungsbereich können wir endlich Hand anlegen.
Auch sonst gibt es noch eine Menge Regeln – etwa die, dass Kinder nicht rennen sollen (ob es die Regel in den wilden 70ern auch gab???). Aber im Großen und Ganzen wirken die Menschen hier dennoch recht gelassen im Vergleich zur Food-Coop.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

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