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Italien Das Musical, das die Sixtinische Kapelle entlasten soll

Mit Kunstgenuss hat ein Besuch der Sixtinischen Kapelle derzeit nichts zu tun. Ab Mitte März soll sich das ändern – dank Multimedia.
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Papst Franziskus bei der Taufe eines Kindes in der Sixtinischen Kapelle. Pro Tag laufen etwa 27.000 Besucher durch die Kapelle. Quelle: AP
Taufe in der Sixtinischen Kapelle

Papst Franziskus bei der Taufe eines Kindes in der Sixtinischen Kapelle. Pro Tag laufen etwa 27.000 Besucher durch die Kapelle.

(Foto: AP)

„Silenzio“, brüllt es aus dem Lautsprecher, so laut, dass man zusammenzuckt. „Silence, Ruhe bitte“. Viele halten sich die Ohren zu. Und schon kommen drei Bedienstete mit schwarzen Jacken und schieben die Menschenströme in Richtung Ausgang. Die nächsten sind dran. Ruhige Betrachtung oder gar Andacht sind nicht drin.

Ein Besuch in der Sixtinischen Kapelle in den Vatikanischen Museen ist kein Vergnügen. Der Selbstversuch an einem Wochenende bestätigt die schlimmsten Vorbehalte: man kommt zwar hinein ins Museum nach Schlange stehen mit vielen anderen Touristen entlang der Mauern des Vatikans, Geduld muss man natürlich mitbringen, aber erst danach beginnt das Elend. Die Säle und Gänge sind gesteckt voll, vor jedem Kunstwerk so viele Menschen, dass man lieber gleich weitergeht.

Und dann, endlich, nach den Stanzen des Raffael, in denen man sich kaum noch bewegen kann vor lauter Gruppen mit Kopfhörern, die auf Kommando alle nach rechts, links oder oben schauen, kommt nach einigen Umwegen durch Säle mit moderner Kirchenkunst, die keinen interessiert, der Höhepunkt, die Sixtina, benannt nach Papst Sixtus IV., der sie ab 1475 bauen ließ. Bis heute findet hier das Konklave zur Wahl eines neuen Papstes statt.  

Es gibt keinen eindrucksvolleren Ort in der Ewigen Stadt. Das Jüngste Gericht an der Kopfwand strahlt nach der Restaurierung in leuchtenden Farben, die kein Video oder Foto wiedergeben kann – und die sind natürlich auch strengstens verboten. An der Decke, in 20 Meter Höhe, die Szenen aus der Genesis und in der Mitte die tausendmal als Postermotiv genutzte Erschaffung des Adam. Papst Julius II. beauftragte Michelangelo Buonarotti mit der Ausschmückung der Decke, die Fresken entstanden zwischen 1508 und 1512. 20 Jahre später dann gab Clemens VII. Michelangelo den Auftrag, auf die Stirnwand das Jüngste Gericht zu malen. 

Kein Zweifel, man muss einmal im Leben in der Sixtina gewesen sein, egal wie voll es ist. Sechs Millionen Menschen kommen pro Jahr, an Spitzentagen sind es 27.000 Besucher. Die Zahlen sind von Barbara Jatta, seit einem Jahr Chefin der Vatikanischen Museen.  „Wir geben alles, damit jeder Michelangelos Werke sehen kann“, sagt sie, „es gibt kein Zeitlimit, aber wir überwachen den Ansturm und die Wächter sagen dann freundlich, dass man weitergehen soll.“ Wahrscheinlich hat sie selbst nie das dröhnende „Silenzio“ gehört, das jeden Kunstgenuss zerstört.

140 Angestellte, die mit den Touristenführern auf 1.000 kommen, arbeiten in den Vatikanischen Museen, 100 sind Restauratoren in sieben Labors. „Nicht mal das Getty in Los Angeles hat so viele“, sagt die Chefin, „wir haben allein zehn Leute, die das ganze Jahr nichts anderes machen als die Kunstwerke abzustauben.“ Denn es gibt ja nicht nur die Sixtinische Kapelle. Die Vatikanischen Museen zeigen auf sieben Kilometern 25.000 Kunstwerke von Gemälden über Statuen, Wandteppichen und Atlanten bis zu ägyptischen Mumien und kostbaren Manuskripten.

„Wir suchen einen Weg zwischen Tradition und Innovation“, sagt Barbara Jatta. Sie arbeitet daran, die vielen verborgenen Kunstwerke hervorzuheben, die in den Korridoren sind, wohin sich wenig Touristen verirren. Sie will neue, nach Themen sortierte Rundgänge anbieten und auch die päpstliche Sommerresidenz Castelgandolfo in den Albaner Bergen einbeziehen, die Papst Franziskus nicht mehr nutzt. Aber es ist ihr klar, dass kein Besucher in die Vatikanischen Museen kommt, ohne die Sixtina zu sehen. Geplant wird zur Zeit ein neuer Eingang in die Vatikanischen Museen.

Doch ab dem 15. März gibt es eine Alternative in Rom. Dann ist Premiere für ein Riesenspektakel mit dem Titel „Giudizio universale – Michelangelo and the secrets of the Sistine Chapel“, bewusst auf italienisch und englisch gewählt. Eine Multimedia-Show in einem Theater gleich am Beginn der Via della Conciliazione, kein Kilometer vom Apostolischen Palast entfernt, mit einer Mischung aus Tanz, Pantomime, Musik, Videoprojektionen und Spezialeffekten. Dort tritt Michelangelo auf wie ein Rockstar. Die Musik hat Sting geschrieben, 35.000 Karten sind schon vorbestellt. Mehr ist noch nicht bekannt. Der Organisator Marco Balich, der die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Rio organisiert hat, sagte in einem Interview, wenn es am Broadway „Das Phantom der Oper“ oder in London den „König der Löwen“ gebe, dann brauche auch Rom ein kulturelles Highlight, das aber mehr als ein Musical sei.

Noch ist es zu früh für Kunsthistoriker und Puristen, um ihr Urteil über die Show abzugeben, die ab März für die kommenden Jahre täglich laufen soll, vormittags für Schulklassen. Der Vatikan habe sechs Jahre lang verhandelt, heißt es, und schließlich wissenschaftliche Expertise und hoch aufgelöste Bilder der Fresken zur Verfügung gestellt und die Choreographie abgesegnet. „Im Grunde ist Balich wie einer dieser Architekten aus der Barockzeit, die in Rom spektakuläre religiöse Feste inszenierten“, sagt die Museumdirektorin.

Wer das Original bevorzugt, für den ein Tipp nach dem Selbstversuch: Der beste Tag für die Vatikanischen Museen, auch wenn man keine Karte aus dem Vorverkauf hat, ist Mittwoch, und zwar gleich morgens. Denn da ist um 10 Uhr auf dem Petersplatz die öffentliche Audienz des Papstes und die Massen strömen erst am Nachmittag ins Museum.

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