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Italien Italiener erfüllen sich die Sehnsucht nach der Lira virtuell

Politisch ist die Rückkehr der alten Währung Lira vom Tisch. Doch für Nostalgiker gibt es sie wieder – als Kryptowährung.
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Für viele Italiener auch 16 Jahre nach der Einführung des Euros immer noch ein Objekt der Sehnsucht: die guten, alten Lire. Quelle: Banca Italia
1000 Lire

Für viele Italiener auch 16 Jahre nach der Einführung des Euros immer noch ein Objekt der Sehnsucht: die guten, alten Lire.

(Foto: Banca Italia)

RomMitten in Rom, im pompösen, weiß schimmernden Vittoriano, dem Altar des Vaterlands, den die Einheimischen wegen seiner Form spöttisch „die Schreibmaschine“ nennen, finden das ganze Jahr über große Ausstellungen statt.

In diesen Osterferientagen stehen die Touristen Schlange, um für 15 Euro Eintritt Monets Seerosen zu sehen. In den fünften Stock des Monuments, wo das „Museo del Risorgimento“ ist, das die Einheit Italiens dokumentiert, kommen nicht so viele ausländische Besucher. Sie wollen eher den atemberaubenden Blick über die Stadt von der Terrasse aus genießen.

Doch die Italiener kommen hier herauf, seit vor kurzem die Sonderausstellung „die Jahre der Lira“ eröffnet wurde, mitorganisiert von der italienischen Notenbank. Bis Juni sind in Schaukästen Münzen und Scheine zu sehen, die ältesten aus der napoleonischen Zeit, manche in Gold, dann von 1861, aus der Zeit, als im neuen Königreich Italien die Lira eingeführt wurde, und die jüngsten von 2002.

Seit dem 1. Januar 2002 gibt es keine Lira mehr und auch die Italiener zahlen mit dem Euro. In der ganzen Stadt wird für die Ausstellung geworben.

An die 1000-Lire-Scheine mit dem Konterfei von Giuseppe Verdi, weniger wert als eine D-Mark, und an 100-Lire-Münzen oder kleinere Werte in Aluminium, wie Spielgeld und so unbedeutend, dass die Kaufleute manchmal Bonbons als Wechselgeld herausgaben, erinnert sich jeder Italien-Urlauber und ist froh, dass es den Euro gibt.

Nicht so in Italien. Die Sehnsucht nach der alten Währung ist noch viel verbreiteter, als man es in einer modernen Volkswirtschaft denken sollte. Nostalgiker finden Gehör, wenn sie sagen, früher sei alles besser gewesen und dass an der Verteuerung des Lebens nur der Euro schuld sei. Ein gutes Argument für Populisten, die das weidlich für ihre Zwecke nutzen: Nie die Schuld bei sich selbst suchen, etwa beim Blick auf das Staatsdefizit, sondern immer andere „in Europa“ verantwortlich machen.  

Besonders im Wahlkampf wurde das Thema Italexit, also der Austritt Italiens aus der Eurozone, von vielen Parteien als Argument genutzt, um Stimmen zu gewinnen. So kündigte etwa Silvio Berlusconi an, eine Parallelwährung einführen zu wollen, und die Bewegung Fünf Sterne warb im Netz für ein Referendum für die Abschaffung des Euros – obwohl das nach der italienischen Verfassung überhaupt nicht möglich ist.

Doch je mehr es auf den Wahltermin zuging, umso mehr nahmen alle ihre Ankündigungen zurück und gingen auf Schmusekurs mit Europa und dem Euro. Auch in Rom hatte man gemerkt, dass die Märkte unruhig auf Italien schauten.

Am Ende verlor Berlusconi haushoch und die fünf Sterne siegten, wie auch die Lega. Seitdem sind alle mit der Bildung einer Regierung beschäftigt und das Thema Rückkehr der Lira ist aus der Politik verschwunden. Nicht aber bei den Nostalgikern wie dem älteren Herrn vor dem Schaukasten im Museum, der seufzt: „Das waren große Zeiten für unsere Nation“.

Für ihn gibt es Abhilfe: die Lira 2.0. Seit einem Jahr wird im Netz für die ITL geworben, die „Italian Lira“. Dahinter verbirgt sich eine neue Kryptowährung, ausgetüftelt von Italienern und Amerikanern. „Mit ITL ist es möglich, Geldtransfers weltweit zu tätigen, innerhalb von wenigen Sekunden dank der Blockchain von Ethereum“, schreiben die Initiatoren auf ihrer Website mit der Länderdomain Westsamoa (www.italianlira.ws).

Und das ohne die Kontrolle von Banken oder Regierungen. Mit einem Token sei absolute Sicherheit gewährleistet. Aber noch müssen sich die Lira-Fans gedulden. Erst 2019 soll auf der Website der Token vertrieben werden und 2022 soll es dann möglich sein, mit dem Smartphone in Lire zu zahlen. Zu kaufen sein sollen die neuen Italian Lira auf den Plattformen Stocks.Exchange, Token Store, ForkDelta oder EtherDelta.

Bisher hätten solche Versuche, mit Hilfe von Kryptowährungen die alte Lira wiederzubeleben, nicht funktioniert, heißt es in einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Il Sole – 24 ore“. Das ist wohl auch besser so. Obwohl: Geldtransfers an Regierung und Banken vorbei, da fällt einem doch gleich eine Kundschaft in Italien ein, die an solchen Transaktionen vielleicht interessiert sein könnte…. Die sitzt im Süden Italiens und hat sich längst nach Norden bis Deutschland verbreitet: die Mafia. So einen Gedanken weist der Herr vor dem Schaukasten im Museum allerdings empört zurück.

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