Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Italien Wahlkampf? Fitness!

Zu Jahresbeginn sind die Italiener nicht an Politik, sondern nur an „bella figura“ interessiert. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zeigen vor allem eines: die Politikverdrossenheit der Bürger.
Kommentieren
Fit sein und abnehmen steht für die Italiener im Jahr 2018 an oberster Stelle – zumindest laut Umfragen. Quelle: dpa
Fitness-Wahn

Fit sein und abnehmen steht für die Italiener im Jahr 2018 an oberster Stelle – zumindest laut Umfragen.

(Foto: dpa)

RomNicht wiederzuerkennen ist der bekannte Ökonom, der oft im Fernsehen und auf Podien erklärt, warum es Sinn macht, an den Abbau der horrenden Staatsverschuldung zu gehen. Ein Thema, das bei den Politikern in Italien auf geringes Interesse stößt. Er trägt eine gelbe Funktionsjacke, allerneuestes Styling, dazu enge Laufhosen und Hightech-Schuhe. In der Hand hält er eine farblich passende Wasserflasche. Stirnband, Kopfhörer und Pulsmesser vervollständigen das Outfit.

Marathon? Querfeldeinlauf? Nein, der nicht mehr ganz junge Ökonom dreht seine gemütliche Joggingrunde im Park der Villa Borghese, dem großen römischen Park, der sich von der Terrasse des Pincio an der Piazza del Popolo bis zum Museum zieht.

Und er ist nicht der Einzige. Männer und Frauen, allein und in der Gruppe, jung und alt, natürlich alle todschick, laufen, als hätten sie nichts anderes zu tun. Sogar mitten in der Ewigen Stadt zwischen den Touristen joggen sie übers Kopfsteinpflaster. An den Wochenenden sind die Panoramastraßen in den Albaner Bergen oder am Lago di Bolsena vor den Toren Roms verstopft von Pulks mittelalter Männer auf Rennrädern, die strampeln, als wären sie beim Giro d’Italia. Alle nach dem letzten Schrei gekleidet.

Das frühlingshafte Wetter mit viel Sonne treibt die Menschen zur Fitness nach draußen. In den Fitnessstudios gibt es wie immer zu Jahresbeginn großen Andrang. Skigymnastik, Zirkeltraining oder Pilates sind überhaupt nicht angesagt – es muss schon exklusiv sein und kosten wie eine Stunde Gyrotonic für 50 Euro oder lieber gleich den Personal Trainer. Fitness ist der Modetrend. Die Italiener sind zwar ausgeprägte Individualisten, aber Trend ist Trend, da machen alle mit. Und sie wollen dabei gesehen werden und „bella figura“ machen.

Fit sein und abnehmen steht auf Platz eins auf der Liste der Prioritäten der Italiener für 2018. Das wollen 30 Prozent nach einer Umfrage der zur BNP Paribas gehörenden Florentiner Bank für Konsumkredite, Findomestic. Danach folgen mehr sparen, mehr auf die Ausgaben achten – doch gleich  auf Platz 4 mit 22 Prozent: sich mehr amüsieren. Das zeigt, dass es dem Land wieder bessergeht nach der langen Rezession. Die Arbeitslosigkeit sinkt von Quartal zu Quartal, und gerade sind Konsum und Kaufkraft gestiegen, wie das Statistikamt Istat am Wochenende bekanntgegeben hat.

Abgeschlagen auf einem der hinteren Plätze mit sieben Prozent liegt in der Findomestic-Umfrage zu den Prioritäten für 2018 das Ziel, sich mehr zu informieren. Das passt überhaupt nicht in die Zeit. Denn Anfang März wird in Italien ein neues Parlament gewählt. Der Wahlkampf droht zur Schlammschlacht zu werden. Jeder gegen jeden, mit ungewissem Ausgang, vielleicht gibt es eine monatelange Hängepartie.

Politik? Fehlanzeige. In keiner der vielen anderen Umfragen, die zum Jahresbeginn veröffentlicht werden, spielt sie eine Rolle. Im Gegenteil. Zwei Stimmen, zwei Generationen, die ganz typisch sind für Italien im Frühjahr 2018: „Die ewigen Streitereien, das interessiert mich nicht, ich gehe nicht wählen, wüsste nicht, wen“, sagt Rocco Rinolfi, Mitte 30, am Zeitungsstand seines Vaters Maurizio auf der Piazza della Repubblica. Der wiederum mischt sich in die Diskussion ein und meint: „Ich kann es einfach nicht mehr hören, es ist wie jedes Mal: Alle Politiker versprechen das Blaue vom Himmel, und dann geht es doch wieder an unser Geld.“ 

Dann lieber Fitness. Mit dem gestählten Body am Strand kann man im Sommer immer punkten. Und es macht auch die Schmach ein wenig kleiner, dass Italien nicht dabei ist bei der Fußball-WM in Russland.

Der Ökonom in Gelb bleibt einen Moment stehen, um aus der farblich passenden Wasserflasche zu trinken. Und er lässt sich befragen. Natürlich gehe er zur Wahl, sagt er, und er hoffe sehr für den Ruf des Landes, dass es den Politikern bis März gelingt, seriös ihre Programme vorzustellen. Dass es eine schnelle Regierungsbildung gibt, bezweifelt er. Die Politikverdrossenheit spürt er. Wenn er aber an die vielen Talkshows und Politik-Tribünen denke, die jeden Abend im Fernsehen laufen, dann  habe er seine Zweifel. Warum läuft er? „Um fit für die nächste Talkshow zu sein.“

Startseite

Mehr zu: Italien - Wahlkampf? Fitness!

0 Kommentare zu "Italien: Wahlkampf? Fitness!"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%