Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Restaurierung alter Bauten
Der Fluch der Vandalen

Schmutz statt Schönheit: Die Stadt Rom tut wenig, um für Touristen attraktiv zu sein. Zum Glück springen private Sponsoren ein und restaurieren Bauten wie die Spanische Treppe. Der neue Glanz könnte aber bald verblassen.

RomArm in Arm sitzen sie auf der Spanischen Treppe, Audrey Hepburn und Gregory Peck in „Ein Herz und eine Krone“. Das Schwarz-Weiß-Motiv aus dem berühmten US-Film, der im Original „Roman Holidays“ hieß, gibt es in Rom an jedem Zeitungsstand als Poster, Postkarte oder Kalender zu haben und verkauft sich reißend. Seit kurzer Zeit ahmen Tausende von Paaren die beiden Hollywood-Stars nach und schießen Selfies auf der Treppe – nur leider sind sie nicht allein und ungestört wie im Film, sondern drängeln sich dort mit Hunderten von anderen Touristen.
Fast ein Jahr lang war die berühmte Treppe, die von der eleganten Einkaufsstraße Via dei Condotti hoch zur Kirche Trinità dei Monti führt, restauriert worden. Die 135 Stufen aus Travertin waren eine Zeitlang nur am äußersten Rand und in den vergangenen Monaten überhaupt nicht mehr zu betreten gewesen – zum Verdruss der Rom-Reisenden, die ein Fotomotiv weniger hatten. Jetzt erstrahlt die Treppe neu in ihrer barocken Pracht, ist wie früher wieder mit Blumenkübeln geschmückt – und die Menschen strömen hin.
Gezahlt hat der Juwelier Bulgari – anderthalb Millionen Euro. „Es ist nicht die erste Restaurierung, die wir unterstützen, und es wird nicht die letzte sein“, sagte Jean-Christophe Babin, der CEO des zum Luxuskonzern LVMH Moët Hennessy-Louis Vuitton gehörenden Unternehmens bei der feierlichen Eröffnung. „Es gibt viele Baudenkmäler in Rom, die es nötig haben.“

Er hat Recht: Ohne Sponsoren sähe die Ewige Stadt weitaus trister aus. Doch zum Glück überbieten sich die Privaten gegenseitig, ist doch die Restaurierung eines berühmten Monuments eine viel bessere Werbung als jeder Spot, auch ohne Namenszug oder Logo.

Die modernen Mäzene – Nachfahren jenes Gaius Maecenas, der als Vertrauter und Politikberater von Kaiser Augustus in einer fürstlichen Villa mit großen Gärten auf dem Esquilin-Hügel Kunst und Künstler förderte – haben Rom verschönert. Am besten ist das am Abend zu sehen, denn zur Restaurierung gehören neuerdings auch raffinierte LED-Beleuchtungssysteme.
Das Kolosseum strahlt weiß und majestätisch – für die Restaurierung hat Diego Della Valle, der Chef des Luxuskonzerns Tod‘s, 25 Millionen Euro gezahlt. Vor lauter Ärger über die Verwaltungsstreitigkeiten wäre er beinahe wieder abgesprungen. Es soll jedoch auch Steuererleichterungen für ihn gegeben haben. Der Trevi-Brunnen glitzert, seit das Modehaus Fendi vor einem Jahr 2,5 Millionen Euro in die Sanierung gesteckt hat.

Pionierin des „Mode-Mäzenatentums“ war Laura Biagiotti. Das Mode- und Parfumlabel kümmerte sich schon 1998 um die breite Treppe, die zum Kapitol heraufführt und von Michelangelo entworfen worden war. Später ließ die Firma die beiden Brunnen auf einem der schönsten Plätze Roms, der Piazza Farnese, restaurieren.

Die aufwändige Restaurierung einzelner Sehenswürdigkeiten macht den Kontrast zwischen schönen Plätzen und schmutzigen Ecken voller Müll in Rom umso größer. Die Kommune kommt nicht hinterher; sie tut zu wenig, um Probleme zu lösen. Die neue Bürgermeisterin erscheint hilflos und überfordert. Der Denkzettel kam im Sommer: Zwei von drei Touristen wollen einer Umfrage zufolge nicht mehr wiederkommen, weil sie der allgemeine Verfall und der schlecht funktionierende Nahverkehr nervt. Die Zahl stammt von Adriano Meloni, dem Stadtrat für Tourismus und Industrie. „Wir müssen mehr tun, denn diese Zahl macht uns keine Ehre“, sagt er. Das Potenzial wäre da und auch die Touristenzahlen sind gestiegen.

Die privaten Mäzene haben eine andere große Sorge, die auch die Stadtväter und -mütter kümmern sollte: Hält der frische Glanz oder herrschen bald schon wieder Vandalismus und Verschmutzung? Noch sind die Bilder von den Fußballfans von Feyenoord Rotterdam in Erinnerung, die vor zwei Jahren vor einem Europacup-Spiel den Bernini-Brunnen „Barcaccia“ zu Füßen der Spanischen Treppe verwüsteten, Bierflaschen hineinschmissen und Dekorationen abbrachen. Absperren geht nicht, darin sind sich Denkmalschützer, Kommunalbeamte und Experten einig, denn es geht ja um öffentlichen Raum.
Heute würde sie wieder eine Restaurierung sponsern, aber dabei mehr Vorsicht walten lassen, sagt Laura Biagiotti, die Seniorchefin des Hauses. „Mäzenatentum reicht nicht aus, man braucht eine soziale Einbeziehung”, sagt sie und erinnert, dass nur einen Monat nach der Restaurierung der Treppe zum Kapitol die Brunnen zu beiden Seiten verunstaltet waren. „Der Private kann dem Schwerkranken die Medizin geben, aber die Therapie zur Aufrechterhaltung muss der Staat leisten.“

Regina Krieger
Regina Krieger
Handelsblatt / Korrespondentin
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