Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Roms erste Bürgermeisterin
Politik für Anfänger

Virginia Raggi hat die Kommunalwahlen in Rom ohne politische Erfahrung mit einem Rekordergebnis gewonnen. Nun muss die 38-jährige Alleinerziehende beweisen, dass sie ihre Pläne für die Problemstadt umsetzen kann.

RomIst es Pech, wird sie von dunklen Kräften behindert oder kann sie es einfach nicht? Kein Thema regt die Römer mehr auf in diesem langen, heißen Sommer als ihre neue Bürgermeisterin. Noch nicht lange, erst seit dem 22. Juni, ist Virginia Raggi nach ihrem Sensationssieg bei den Kommunalwahlen im Amt. Sie und ihre „Partei“, die Protestbewegung der „5 Sterne“, regiert seitdem mit absoluter Mehrheit auf dem Kapitol, wo die Stadtverwaltung der Hauptstadt in aller Pracht residiert. Sie wolle aufräumen mit Korruption und Amtsmissbrauch und eine Stadtverwaltung auf Augenhöhe für die Bürger schaffen, verkündete die gutaussehende 38-jährige Alleinerziehende mit schüchternem Lächeln am ersten Amtstag. Alle hatten sie gewählt, quer durch die Parteien – auch die Kaschmirlinken, die ihrer Regierungspartei PD einen Denkzettel verpassen wollten. Die Hoffnung auf einen Wechsel war groß.

Und zu tun war und ist reichlich. Jeder Tourist und jeder Pilger, der zum Heiligen Jahr in die Ewige Stadt kommt, sieht es mit eigenen Augen und ärgert sich über zwei Dinge: schmutzige Straßen voller Müllsäcke und ein vorsintflutartiges Nahverkehrssystem, das einer Hauptstadt mit 2,9 Millionen Einwohnern nicht gut zu Gesicht steht. Auch wenn eine Fahrt im ganzen großen Stadtgebiet nur 1,50 Euro kostet, wird das nicht aufgewogen durch stundenlanges Warten und anschließendes Gequetsche – besonders auf der Linie vom Hauptbahnhof zum Vatikan. Die beiden Großbetriebe Atac und Ama, für Verkehr und für Müll zuständig, gehören der Stadt und stehen schon lange für Missmanagement und Mafia-Unterwanderung. Bevor Virginia Raggi ihr Amt antrat, hatte ein Regierungskommissar die Stadt acht Monate lang verwaltet und neue Manager an die Spitze der Betriebe gesetzt.

Bis Ende August hielten die beiden Manager durch und taten ihr bestes, nicht besonders lange, dann gaben sie auf und traten zurück. Ebenso der Haushaltsassessor im Stadtrat und Virginias Kabinettschef. Alle an einem Tag. Ein bitterer Schlag für die Bürgermeisterin. Seitdem wird beim morgendlichen Cappuccino noch heftiger diskutiert. Schafft sie es? Oder kommt es genauso, wie viele Römer vermutet haben: ein Scheitern auf der ganzen Linie und bald Neuwahlen?

Ein kluger Leitartikler hat über die junge Anwältin ohne Politik- und Verwaltungserfahrung geschrieben, Politik zu machen sei mehr als immer nur Transparenz anzukündigen. Viel Schonzeit hatte sie nicht, die junge Mutter mit den langen Haaren, aber sicher hat sie den Fehler gemacht, zu lange überhaupt nichts zu unternehmen. Stattdessen waren die Zeitungen voll mit Artikeln, in denen ihr vorgeworfen wurde, exorbitante Gehälter im Rat zu zahlen. Politik lebt eben auch von Symbolen und tatkräftigem Handeln. Nur eine Woche lang, um den nationalen Feiertag Ferragosto Mitte August herum, waren die Straßen sauber, weil die Müllabfuhr pünktlich kam. Dann war alles wieder wie immer.

Das ganze Land verfolgt nun gespannt, wie es in der Hauptstadt weitergeht, denn es geht auch um den Realitätscheck für die Bewegung 5stelle, die in Umfragen immer näher an Premier Matteo Renzis Partito Democratico (PD) heranrückt. Die von dem Komiker Beppe Grillo gegründete Bewegung, die dem Vorwurf ausgesetzt ist, dirigistisch ihre Abgeordneten und Kommunalpolitiker aus Mailand zu steuern, stellt schon ein paar Bürgermeister in kleineren Kommunen.

Aber es gibt auch viele Skandale und Rausschmisse. Scheitert das Experiment Rom, kann die Partei ihre Hoffnung begraben, 2018 Renzi ernsthaft herauszufordern. Vielleicht gehört Virginia Raggi dann schon der Vergangenheit an. Aber die Diskussionen an der Kaffeetheke werden dann längst neuen Stoff haben. Dass der Bus pünktlich kommt oder die Müllabfuhr in der Ewigen Stadt, steht aber weiterhin in den Sternen.

Regina Krieger
Regina Krieger
Handelsblatt / Korrespondentin
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