Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichten
Der Fluch der „grande bellezza“

Der Wettbewerb zwischen den beiden Städten ist so alt wie die italienische Republik. Und jetzt geht der Streit zwischen Rom und Mailand in eine neue Runde. Und es sieht danach aus, als würde Mailand diesmal gewinnen.
  • 0

RomWas für eine prächtige Kulisse: Models in bodenlagen Glitzergewändern schreiten langsam die Stufen der Spanischen Treppe hinab. Es ist eine laue Sommernacht in Rom. Modeschöpfer Valentino, dessen Atelier nur ein paar Meter entfernt ist, feiert Firmenjubiläum mit einer Haute-Couture-Schau. Und auch der Luxusjuwelier Bulgari mit dem Stammsitz in der Via Condotti, die zur Spanischen Treppe führt, nutzt einen der schönsten Orte Roms. Er hat sogar 1,5 Millionen Euro zur Restaurierung des berühmten barocken Monuments gespendet und dann ebenfalls mit einer Modenschau gefeiert. Das römische Modehaus Fendi, für das Karl Lagerfeld schon lange arbeitet, hat den Trevi-Brunnen restauriert und zum 90. Geburtstag die neue Kollektion dort vorgeführt, inszeniert auf transparenten Laufstegen über dem Wasser, vor dem prächtig ausgeleuchteten Brunnen.

Die Spanische Treppe, die Fontana di Trevi, der Kapitolshügel oder der Petersplatz – keine andere Metropole kann mithalten mit Rom, wenn es um Kunstschätze, spektakuläre Locations und atemberaubende Perspektiven geht. Die Touristen aus aller Welt sind begeistert. Und dennoch – in Italien spielt die Musik in Mailand, in der Finanzmetropole. Der Wettbewerb zwischen beiden Städten ist so alt wie die italienische Republik und erreichte ihren Höhepunkt, als die damals neue Protestpartei Lega Nord Ende der 80er Jahre das „Los von Rom“ propagierte und sogar den Freistaat Padanien ausrufen wollte. Das war Spinnerei. Doch jetzt ist der alte Streit wieder aufgeflammt. Und es sieht danach aus, als würde Mailand diesmal gewinnen.

Die beiden Städte seien einfach nicht zu vergleichen, sagen die einen  – hier der Regierungssitz, der Vatikan als Staat in der Stadt, der Sitz der großen Energie- und Telekommunikationsunternehmen wie auch der Modehäuser, da die an Zürich erinnernde lombardische Metropole mit den großen Bankpalästen, den Boulevards, dem Dom und dem wirtschaftsstarken Umland.

Andere sehen Mailand klar als Gewinnerin in allen Feldern, nicht nur in der Mode. Was sind die schönen, ein bisschen dekadenten Stätten der Hauptstadt gegen die Flagship-Stores, Boutiquen und Showrooms im „Quadrilatero“, dem Modequadrat an der Via Montenapoleone zwei Schritte von Dom und Scala entfernt. Hier wird Umsatz gemacht, hier läuft das Geschäft auf Augenhöhe mit Paris und New York. „Mailand ist heute mehr als je die Fashion- und Design-Hauptstadt und das beliebteste Ziel für Kurzurlaube“, sagt Renato Borghi, Präsident der Entwicklungsgesellschaft Explora der Region Lombardei.

In Rom dagegen geht die Zahl der Übernachtungen zurück. Aufgeschreckt hat die Hoteliers eine Umfrage, in der viele Touristen angaben, dass sie nicht mehr nach Rom zurückkommen würden. Sie klagen über vieles: den schlecht funktionierenden Nahverkehr, Löcher im Pflaster, Dreck auf den Straßen und mangelnde Informationen in anderen Sprechen als Italienisch. „Die Hauptstadt ist kein attraktiver Ort mehr”, gibt  Paolo Terrinoni zu, Generalsekretär der Gewerkschaft Cils für Rom und Rieti. Und Nicloa Zingaretti, Präsident der Region Latium, meint, dass Rom „die eigene Vitalität und Attraktivität verliert”.

Auch die Römer selbst klagen, vor allem über ihre Verwaltung. Die junge Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Protestpartei „Movimento 5 Stelle“ steht täglich im Zentrum der Kritik. Den Beweis, dass sie und ihre Partei alles besser machen als die etablierten Parteien, ist sie bisher schuldig geblieben.  Nichts hat sich zum Besseren geändert, obwohl sie bald ein Jahr regiert. Ständig gibt es neue juristische Ermittlungen gegen sie, außerdem sitzt die Stadt auf einem Schuldenberg.

Mailand dagegen hat das Gesicht verändert, die Stadt wird attraktiver. Gerade erst wurde ein Architektur-Wettbewerb entschieden, um den Platz vor dem Schloss und das Foro Bonaparte im Zentrum neu zu gestalten. Gewonnen hat ein Entwurf, der die Fläche mit weißem Kiesel und einer Allee von Bäumen zum Ort für autofreies Spazieren macht. Die aktive Stadtplanung schlägt sich auch in Zahlen nieder: Die Zahl der Übernachtungen steigt, und auch die Zahl der Zuzüge, wie eine Studie des Forschungszentrums Cresme vor kurzem ergab.

In Mailand denkt man nach der positiven Erfahrung der Expo 2016 zukunftsgerichtet und im Großen, sagt ein Stadtplaner, selbst wenn es auch Probleme mit Haushalt und Sauberkeit gibt.  Und genau das fehlt Rom – ein Masterplan zur Stadtentwicklung, am besten von einem renommierten Architekten wie Sir Norman Foster, der das für Duisburg gemacht hat. Oder warum nicht Renzo Piano, dessen Auditorium das schönste moderne Bauwerk in Rom ist? Schwung für Entwicklung hätte die Olympia-Bewerbung für 2025 gebracht, aber Bürgermeisterin Raggi war dagegen.

Wo sind die Kreativen? Wo sind die Stiftungen der wohlhabenden Bürger in Rom? In Blogs wird diese Frage diskutiert. In Mailand gibt es die Fondazione Feltrinelli und die Fondazione Prada mit spektakulären Neu- und Umbauten. 

Die Hauptstadt nach Mailand zu verlegen aber, ist kein konkretes Vorhaben, sondern nur ein Thema in akademischen Runden. Andererseits ist Rom als Hauptstadt die Visitenkarte Italiens. Und kann den Wettbewerb mit Mailand noch gewinnen. Gezielte Stadtplanung, auch über den Moment hinaus, würde die Kunstschätze von der Antike bis zum Barock noch mehr ins Licht rücken. Immerhin, seit zum Beispiel keine Autos mehr über die Via dei Fori Imperiali zum Kolosseum fahren dürfen, ist ein erster Schritt getan. Und Zukunftsgewandtheit schadet dem Image der „grande bellezza“ nicht.  

Regina Krieger
Regina Krieger
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Weltgeschichten: Der Fluch der „grande bellezza“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%