Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Stellenausschreibung für Partylöwen
London sucht den Zar der Nacht

Die Stadt London sucht jemanden, der gerne bis in die frühen Morgenstunden feiert. Für 40.000 Euro im Jahr muss man nur zweieinhalb Tage pro Woche arbeiten. Bewerbungen mit Lebenslauf gehen an den Bürgermeister.

Eine Stelle mit dem beeindruckenden Titel „Der Zar der Nacht“ hat der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan ausgeschrieben. Wer Interesse hat, muss sich bis zum 12. September mit Lebenslauf und Anschreiben bewerben. Führungskompetenz ist natürlich gefragt, man muss in der Öffentlichkeit ein gewisses Ansehen haben, überzeugend auftreten, sich im politischen Umfeld zurechtfinden und vor allem: das Londoner Nachtleben promoten. Eine Stelle, die in London für viel Gesprächsstoff sorgt.

Gut 1,3 Millionen Menschen arbeiten in Großbritannien nachts in Restaurants, Theater, Pubs und Kneipen und erwirtschaften dabei 66 Milliarden Pfund (umgerechnet rund 77 Milliarden Euro). Das hat die Organisation Night Time Industry Association (NTIA) ausgerechnet. Doch die Zeiten sind hart, viele Nachtclubs und Theater mussten schließen. Ein Grund: Die teure Taxifahrt nach Hause verschreckt viele Londoner Nachtschwärmer.

Kein Wunder, dass das im August gestartete Projekt „Night Tube“ für viel Jubel sorgte. Bislang hatten Mitarbeiter des Londoner Nahverkehrs in der Nacht rostige Eisengitter vor den Zugang zu Bahnstationen gezogen und damit viele Nachtschwärmer zu teuren Taxifahrten oder langen Fußmärschen nach Hause gezwungen. Von eins bis 5.30 Uhr morgens hatten die ratternden Züge der Londoner Tube stillgestanden. Nicht nur Partygänger hatte das gestört, auch Nachtschwestern, Kellner, Putzfrauen oder Schichtdienstarbeiter stellte das vor Probleme. Zwar gab es Nachtbusse, doch besonders populär sind diese nicht – sie sind häufig verspätet und brauchen deutlich länger.

Doch das ist jetzt Geschichte: Neuerdings fahren von Freitag bis Sonntag die U-Bahnen der beiden viel genutzten Strecken der Central- und der Victoria-Linie auch in den Nachtstunden. Viele Londoner sind von der „Night Tube“ begeistert. Bürgermeister Khan hatte das Projekt vorangetrieben, das bereits sein Vorgänger Boris Johnson in die Wege geleitet hatte. Der Londoner Wirtschaft soll der 24-Betrieb am Wochenende einen ordentlichen Schub geben, so die Hoffnungen: Ein Plus von 360 Millionen Pfund (rund 420 Millionen Euro) wird erwartet, Schätzungen der Betreibergesellschaft Transport for London (TfL) dürften etwa 100.000 Menschen nachts unterwegs sein. 100.000 Menschen – und ein Zar.

Auch in anderen Städten wie Amsterdam, Paris und Zürich gibt es jemand, der das Nachtleben aufregender, sicherer und vielfältiger machen soll; in Köln und Berlin wird noch diskutiert, ob man einen solchen Posten schafft. Doch einen Zar der Nacht, das gibt es nur in London. In anderen Städten kennt man meist nur einen „Nachtbürgermeister“.

In London gibt es 35.000 Pfund (40.100 Euro) im Jahr für den Zar, der dafür nur zweieinhalb Tage pro Woche arbeiten muss. Dazu gibt es natürlich den klangvollen Titel – und die Aussicht, in jeden noch so angesagten Club der Stadt ohne Probleme reinzukommen.

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