Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Das lukrative Geschäft mit dem Müll
Die Papierdiebe von Madrid

In Madrid leben viele Müllsammler vom Papier-Abfall. Oftmals schieben sie Kinder durch den Schlitz in den Container, um an das Blattwerk zu kommen. Die Stadtverwaltung ist sauer – ihr entgegen wichtige Einnahmen.

MadridSchon am Morgen machen sie sich an die Arbeit. Sie leben vom Abfall der spanischen Hauptstadt, genauer gesagt von einem ganz bestimmten Teil ihres Mülls: dem Papier. In großen Lkws fahren Gruppen von Männern und Frauen durch die Straßen der Metropole und sammeln Kartons, Pappe und Papier.

Um das begehrte Recycling-Gut aus den Papiercontainern zu fischen, schieben sie oftmals Kinder durch den engen Schlitz in den Container, die dann von innen alles Blattwerk nach draußen bugsieren. Die Seitenwände ihrer zerschrammten Lkw verlängern sie mit Bettgestellen oder Holzbrettern, damit mehr auf die Ladefläche passt.

Was in den armen südamerikanischen Metropolen zum Stadtbild gehört, ist auch in Spanien gang und gäbe: ladrones de papel, Papierdiebe, nennen die Spanier die Müllsammler. In den vergangenen Jahren landet immer mehr Papier bei ihnen statt bei den städtischen Entsorgungsbetrieben. Die Behörden bringt das auf die Palme, denn der Stadtkasse entgehen dadurch Einnahmen in Millionenhöhe.

Das Madrider Rathaus erklärt, es habe im vergangenen Jahr 3,8 Millionen Euro mit dem Verkauf von Altpapier an Recycling-Unternehmen eingenommen. Im Jahr 2010 war es dagegen noch mehr als doppelt so viel – 8,3 Millionen Euro. Die Behörde macht für den Einbruch aber nicht nur Papierdiebe, sondern auch die Wirtschaftskrise verantwortlich, in der Firmen weniger Werbung gedruckt und weniger Waren produziert und verpackt hätten.

Papierdiebe, so heißt es im Rathaus der Hauptstadt, habe es in Spanien immer gegeben. Sie klauten immer dann spürbar mehr, wenn die Papierpreise steigen. Und die hätten seit 2009 um 152 Prozent zugelegt. Recyclingunternehmen rund um Madrid zahlen pro Kilo Papier derzeit fünf Cent. Der Besitzer eines solchen Betriebs, der eine Lizenz besitzt, um selbst in Madrid Kartons und Pappe von der Straße zu sammeln, erklärt, pro Tag schaffe er zwei Lkw-Ladungen mit je rund 800 Kilo Pappe und Kartons. Das bedeutet 80 Euro Tagesverdienst für ihn und seine Helfer.

Die illegalen Sammler jedoch, sagt er, kämen auf deutlich höhere Summen, weil sie Kataloge und Papier aus den Containern fischen, die viel schwerer seien als Kartons. Nach Angaben der Polizei transportieren die ladrones de papel bis zu 4000 Kilo Papier pro Lkw – das entspricht einem Gegenwert von 200 Euro. Falls sie täglich zwei volle Lkw schaffen, würden Fahrer und Helfer bei 25 Arbeitstagen 10.000 Euro im Monat verdienen. In einem Land, in dem der monatliche Durchschnittslohn bei 1200 Euro liegt, ist das ein gutes Geschäft.

Die Müll-Sammler sind nur schwer zu stoppen. Die Recyclingunternehmen sind nicht verpflichtet, den Ursprung der Ware zu prüfen, die ihnen gebracht wird. Die Behörden können nur die Lkw überprüfen – haben die Fahrer keine Lizenz, wird die Ware einbehalten. Wenn die Behörden sehen, wie Kinder in die Container müssen, verhaften sie die Erwachsenen.

Die neue linke Bürgermeisterin von Madrid, Manuela Carmena, will das Phänomen aber jetzt auf andere Art angehen: Sie testet in verschiedenen Gegenden neue Container, in die keine kleinen Kinder mehr hinein passen sollen. Das Modell, das sich bewährt, soll dann überall in der Stadt aufgestellt werden.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid
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